Der westliche Medienbetrug im Nahen Osten

Zu oft werden die Konsumenten von Mainstreammedien Opfer von Betrug. Man denkt, man kann den Artikeln, die man liest, trauen – warum sollte man nicht? Man denkt, man kann die ideologische Voreingenommenheit durchschauen und die Fakten bekommen. Aber man kennt nicht die Zutaten, die in dem Produkt stecken, das man kauft. Es ist wichtig zu verstehen, wie das Wissen über aktuelle Ereignisse im Nahen Osten produziert wird, bevor man ihnen traut.

Selbst wenn es keine offensichtlichen ideologischen Voreingenommenheiten gibt, wie man sie häufig sieht, wenn es um Israel geht, gibt es doch grundlegende Probleme auf der erkenntnistheoretischen und methologischen Ebene. Diese schaffen Verzerrungen, Unwahrheiten und rechtfertigen die Auffassung derjenigen mit Macht.

Nir Rosen – Bei der Diskussion über die Art, in der westliche Intelligenzler und Medien den Nahen Osten schildern, beklagte der französische Intellektuelle und Wissenschaftler François Burgat, dass es zwei Haupttypen von Intellektuellen gäbe, wenn sie beauftragt würden, dem Westen das „Andere“ zu erklären. Erstens gibt es den, der von ihm und Bourdieu, ein Philosoph, als der „negative Intellektuelle“ beschrieben wird, der seine Vorstellungen und Prioritäten mit denen des Staates in Einklang bringt und seine Perspektive darauf konzentriert, den Interessen der Macht zu dienen und in ihre Nähe zu gelangen. Und zweitens gibt es den, der von Burgat als der „Fassaden-Intellektuelle“ bezeichnet wird, dessen Rolle in der Gesellschaft es ist, dem westlichen Publikum seine bereits vorhandenen Begriffen, Auffassungen, Voreingenommenheiten sowie Rassismen hinsichtlich des „Anderen“ zu bestätigen. Sowohl Journalisten, die für die Mainstreammedien schreiben, als auch ihre örtlichen Gesprächspartner, gehören oft beiden Kategorien an.

Es gibt eine Menge Literatur über die Unmöglichkeit von Journalismus im klassischen, liberalen Sinn und den üblichen Bildern von Objektivität, Neutralität und „der Vermittlung der Wirklichkeit“. Doch greifen die westlichen Mainstreammedien, vielleicht aus Mangel an alternativen Quellen der Legitimierung, die Begriffe mit immer größerer Beharrlichkeit auf. Der Nahe Osten ist ein außerordentlich passender Ort für die westlichen Medien, etwas über sich selbst und seine Zukunft zu erfahren, weil er die Szene ist, wo alle Ansprüche auf Objektivität, Neutralität gegenüber der Macht und kritisches Engagement in spektakulärer Weise gescheitert sind.

Das „Andere“ formulieren

Journalisten sind der Archetyp ideologischer Werkzeuge, die Kultur schaffen und Wissen produzieren. Ihre Funktion ist es, eine Klasse zu repräsentieren und die herrschende Ideologie aufrechtzuerhalten, statt eine gegen-hegemonistische und revolutionäre Ideologie bzw. Geschichte in diesem Fall darzustellen. Sie sind die organischen Intellektuellen der herrschenden Klasse. Statt die Stimme der Menschen der arbeitenden Klasse zu sein, sind die Journalisten allzu oft die funktionellen Werkzeuge der bürgerlichen herrschenden Klasse. Sie produzieren und verbreiten Kultur und Sinn für das System und reproduzieren seine Werte, die es ihm erlauben, das Feld der Kultur zu beherrschen, und da der Journalismus heute eine spezifische politische Ökonomie bildet, sind sie alle Produkte der hegemonistischen Lehre und der begüterten Klasse.

Die Arbeiterklasse hat keine Netzwerke und ebensowenig Einfluss in Hollywood und den Fernsehunterhaltungs- und Serienprogrammen; es sind alles die gleichen Intellektuellen, die sie produzieren. Selbst Journalisten mit der Absicht, seriös zu sein, dienen gewöhnlich nur den Eliten und ignorieren soziale Bewegungen. Journalisten neigen dazu, sich auf den Staat zu konzentrieren, den Fokus auf Wahlen, Institutionen, formelle Politik zu richten und die Politik des Streits, der informellen Politik, der sozialen Bewegungen zu übersehen.

Jene mit dem Ruf von tapferen Kriegsreportern, die um die ganze Welt jagen, mit dem Fallschirm mitten in Konflikten landen von Jemen bis Afghanistan, bestätigen typischerweise nur die amerikanische Sicht der Welt. Der Journalismus vereinfacht, was ent-historisieren bedeutet. Journalismus im Nahen Osten ist allzuoft die Darstellung von Gewaltakten. Westliche Journalisten greifen zur Wirklichkeit und amputieren sie, verzerren sie und passen sie einem im voraus bestimmten Diskurs oder Wertung an.

Die US-Medien wollen immer die Ergeignisse in der Region in ein amerikanisches Muster zwängen. Die kürzliche Ermordung von Osama bin Laden wurde mit einem kollektiven Schulterzucken im Nahen Osten aufgenommen, wo er immer irrelevant gewesen ist, aber für die Amerikaner und folglich die US-Medien war es ein historischer und prägender Moment, der alles veränderte. Zu oft hat der Kontakt mit dem Westen die Ereignisse im Nahen Osten definiert, aber der sogenannte arabische Frühling mit seinen Revolutionen und Umwälzungen ruft bei den weißen Amerikanern Angst hervor. Sie fühlen sich nicht wohl bei der selbsttätigen Befreiung brauner Menschen. Doch kann der arabische Frühling eine revolutionäre Umwandlung der arabischen Welt repräsentieren, einen massiven Schlag gegen islamistische Politik und die Renaissance einer säkularen und linken arabischen nationalistischen Politik.

Aber die amerikanischen Medien sind von den Islamisten besessen, suchen nach ihnen hinter jeder Demonstration, und die Erhebungen sind oft behandelt worden, als ob sie etwas Bedrohliches wären. Und allzu oft läuft es am Ende darauf hinaus, „was bedeutet das für Israels Sicherheit?“ Die Sehnsüchte hunderter Millionen freiheitssuchender Araber sind den Sicherheitssorgen von fünf Millionen Juden untergeordnet, die Palästina kolonisiert haben.

Hinter dieser Berichterstattung steckt eine gehörige Portion Chauvinismus und Rassismus. Wie amerikanische Soldaten benutzen amerikanische Journalisten gerne ein zufälliges einheimisches Wort, um zu zeigen, dass sie die Geheimnisse der Kultur entschlüsselt haben. ‚Wasta‘ [etwa Prestige, gute Beziehungen etc.] ist so ein Wort. Ein US-Bürochef im Irak sagte mir, dass Muqtada al-Sadr jetzt eine Menge wasta habe, weshalb er eine lange US-Anwesenheit verhindern könne. ‚Inshallah‘ [etwa So Gott will] ist noch so ein Wort. Und in Afghanistan ist ‚pushtunwali‘ [etwa traditionelle Lebensart des Volkes der Pashtunen] das Geheimnis, die Afghanen zu verstehen. Islam wird auch als ein Kode behandelt, den man entziffern kann, und dann kann man die Einheimischen so verstehen, als wären sie allein durch den Islam bestimmt.

Von arabischer Kultur und von Islam wird in einer Weise gesprochen, wie früher von Indien und Afrika gesprochen wurde, und es ist schwierig, Araber und Moslems als die guten Jungs zu porträtieren, es sei denn, sie sind „wie wir“ als Google-Geschäftsführer und andere Eliten, die Englisch sprechen, sich modisch kleiden und Facebook benutzen. Und sie sind gemacht, die Revolutionen zu vertreten, während die Arbeiter, die Untergebenen, die Mehrheit, die nicht einmal Zugang zum Internet hat, von einem Twitterkonto ganz zu schweigen, ignoriert werden. Und um die Revolutionen in Tunesien und besonders in Ägypten ungefährlich aussehen zu lassen, werden die gewaltlosen Taktiken betont, während viele Akte gewaltsamen Widerstands gegen die Unterdrückung des Regimes gänzlich unbeachtet bleiben. Dies ist nicht nur der Fehler der Journalisten. Das wird vom amerikanischen Diskurs nicht beachtet und daher auch nicht von den Herausgebern in New York und Washington.

Ich habe den größten Teil der vergangenen acht Jahre mit Arbeit im Irak verbracht, aber auch in Somalia, Afghanistan, Jemen und anderen Ländern der moslemischen Welt. Meine ganze Arbeit hat also im Schatten des Krieges gegen den Terror stattgefunden, auch wenn ich mich bemüht habe, die zugrundeliegenden Prämissen des Krieges abzulehnen. In gewisser Weise hat meine Arbeit dennoch dazu gedient, die offizielle Story zu unterstützen. Ich fragte einmal meinen Herausgeber in The New York Times Magazine, ob ich über etwas außerhalb der moslemischen Welt schreiben könne. Er sagte, dass ich, selbst wenn ich fließend Spanisch spräche und ein Experte über Lateinamerika wäre, nicht veröffentlicht werden würde, wenn es nicht um Jihad ginge.

Abschottung und engstirnige Berichte

Es ist wichtig, die Umgebung zu verstehen, in der Journalisten leben, die Gesprächspartner, die Dolmetscher und die Vermittler, auf die sie vertrauen, für sie zu filtern und zu arrangieren, und die Art, in der sie Informationen, Berichte und Interviews sammeln. Einer der beliebten Mythen über das Berichten aus Irak ist, dass die Journalisten in der Grünen Zone sitzen, der von Mauern umgebenen Festung, in der die amerikanischen Besatzer hausten und jetzt die irakische Regierung mit einigen Botschaften. Das stimmt nicht. Während der gesamten Besatzung hat so gut wie kein Journalist wirklich in der Grünen Zone gelebt. Sie saßen in grünen Zonen ihrer eigenen Schöpfung, entweder sichere Gebäude oder intellektuelle grüne Zonen mit selbstgemachten Mauern. Die erste grüne Zone für Journalisten war die Festung um das Sheraton und das Palästina Hotel in Baghdad, das zu Anfang von amerikanischen Soldaten bewacht wurde und später von irakischen Sicherheitskräften. Die New York Times baute bald ihre eigene immense Festung mit Wachhunden, Wachtürmen, Wachpersonal, ungeheuren Mauern, Fahrzeugdurchsucher. Das gleiche machten BBC, Associated Press und andere. Dann gab es das Hamra Hotelgelände, wo sich viele Büros niederließen, bis es 2010 bei einer Explosion beschädigt wurde. CNN, Fox, Al Jazeera English hatten ihre eigenen grünen Zonen, aber Freelancer wie ich konnten dort Zimmer mieten. Und dann gibt es noch eine grüne Zone, die ein großes Gelände umfasst, das von der kurdischen Peshmerga beschützt wird und wo Iraker der Mittelklasse und einige Büros untergebracht sind.

Im Prinzip ist es nicht verkehrt, in einem sicheren Gebäude zu wohnen. Ausländer werden in Konfliktenzonen und autoritären Ländern häufig aufs Korn genommen. Man möchte abends schlafen gehen, ohne sich fragen zu müssen, ob Männer deine Tür eintreten und dich mitschleppen werden. Oder ob man am besten in Kleidern schläft, so dass, wenn eine Autobombe explodiert, man nicht nackt unter den Trümmern gefunden wird. Man will anständiges Essen bekommen und fließendes Wasser, keine Stromabbrüche, Internetzugang, Gespräche mit Kollegen. Ein Journalist muss nicht wie ein verarmter Einheimischer leben. Aber je weniger man am einheimischen Leben teilnimmt, desto weniger kann man seine Arbeit tun, und das müssen die Leser begreifen. Die Durschnittsperson irgendwo in der Welt geht zur Arbeit und kommt nachhause. Sie weiss wenig über Leute außerhalb ihrer sozialen Klasse, ethnischen Gruppe, Nachbarschaft oder Stadt. Als Journalist gibt man Urteile ab über ein ganzes Land und interpretiert es für andere, aber man kennt das Land gar nicht, weil man nicht wirklich dort lebt. Man verbringt 20 Stunden täglich getrennt von dem Land. Man hat keine Basis für Urteile, weil der Irak für dich ‚da draußen‘ ist, die rote Zone und das Tempo für die Abgabe der Artikel macht alles noch schwieriger.

Die meisten Mainstreamjournalisten haben seit 2004 die Berichterstattung aus Irak wie eine militärische Operation gehandhabt: Sich auf begrenzte Missionen zu begeben, mit einer Menge Planung – ein gepanzerter Wagen, ein Folgewagen für den Fall der Fälle, rein und raus zum Interview und zurück in die eigene grüne Zone. Oder, viel häufiger, machen sie eine Fahrt zu der richtigen Grünen Zone, wo einen eifrige Beamte für Interviews treffen wollen, wo man einen Drink zu sich nehmen kann, mit Diplomaten umgehen kann und sich macho fühlen kann, weil man in der roten Zone lebt. Aber in ihrer künstlichen grünen Zone sind sie dennoch vom Leben abgeschirmt – von den Irakern und von der Gewalt.

Sie konnten nicht einfach herumhängen, in Restaurants sitzen, in Moscheen und husseiniyas [ein Platz, an dem sich Shiiten versammeln], bei Leuten zuhause, durch Slums laufen, auf einheimischen Märkten einkaufen, in der Nacht herumlaufen, in einem Getränkeladen sitzen, in den Häusern normaler Menschen übernachten, Dörfer, Gehöfte besuchen, und Irak wie ein Iraker erleben oder so nahe wie möglich. Das bedeutet, sie haben keine Ahnung von dem Leben bei Nacht, wie das Leben auf dem Lande aussieht, welche sozialen Trends wichtig sind, welche Lieder gerade populär sind, welche Witze erzählt werden, welche Argumente auf den Straßen ausgetauscht werden, wie wohl sich die Leute fühlen oder welche Sorte Iraker nachts in die Bars gehen. Herumhängen ist der Schlüsel. Einfach beobachten, Ereignisse und Menschen betimmen lassen, was man berichtet. Sie stellten auch keine Untersuchungen an, verfolgten spontane Spuren, entwickelten ein Netzwerk von vertraulichen Kontakten und Quellen. Geringere Budgets und Interesse führten dazu, dass Büros geschlossen wurden oder zur Personalverringerung und nur gelegentlich einen Journalist zu einem Interview mit ein paar Beamten zu schicken und dann wieder nachhausezufahren.

Einen sozialen Teppich weben

Und da sie kein Arabisch können, können sie buchstäblich nicht die Schrift an der Wand lesen – die Graffitis an der Wand – ob sie für die Mujahedin oder für Muqtada Sadr oder für die Fußballmannschaften Madrid oder Barcelona sind. Es bedeutet, wenn sie zu einem Mann sprechen, dann sagt der Übersetzer nur, was er gesagt hat und nicht, was alle drumherum gesagt haben; sie hören nicht die Lieder der Sadristen zur Unterstützung der Shia in Bahrain oder den Taxifahrer darüber klagen, wie die Dinge unter Saddam besser waren, oder wie die Angriffe vom Morgen diskutiert werden oder die Soldaten, die an den Checkpoints Witze machen oder den Ladeninhaber über die Soldaten fluchen. In der Tat nehmen sie nicht einmal Taxis oder einen Bus, wodurch sie eine wichtige Gelegenheit versäumen, mit den Leuten natürlich zu verkehren. Es bedeutet, sie können sich in den Häusern von Leuten nicht entspannen und hören, wie die Familien ihre Probleme diskutieren. Sie sind nicht in der Lage, das zu entwickeln, was die Deutschen Fingerspitzengefühl nennen, ein intuitives Gefühl für das, was gerade passiert, was die Trends und die Gefühle sind, das man nur bekommt, wenn man die Finger über das soziale Gewebe streichen lässt.

Ein Student der arabischen Welt sagte einmal, dass jeder selbsternannte Terrorismusexperte erst den Um Kulthum Test bestehen müsste – d. h. hat er die ägyptische Diva-Ikone des arabischen Nationalismus gehört, deren Musik und Lyrik im ganzen Nahen Osten widerhallt? Wenn er nicht von ihr gehört hat, dann ist er offenbar nicht mit arabischer Kultur vertraut. Im Irak könnte das Äquivalent der Hawasim Test sein. Saddam nannte 1991 den Krieg gegen Irak „Um al-Maarik“ oder die Mutter aller Schlachten. Und den Krieg von 2003 gegen Irak nannte er „Um al-Hawasim“ oder die Mutter aller entscheidenden Momente. Bald wurde die Plünderei, die der Invasion folgte, von den Irakern Hawasim genannt und das Wort wurde ein gängiger Begriff, der auf billige Märkte, gestohlenes Gut und billige Produkte angewandt wurde. Wenn man rücksichtslos Auto fährt, dann ruft ein anderer Autofahrer dir vielleicht zu: „Was ist das, Hawasim?“ Wenn man sich nicht anstrengt, mit diesen kulturellen Phänomenen vertraut zu werden, geht man am besten nachhause.

Von einem Dolmetscher abhängig sein, heisst, dass du nur zu jeweils einer Person sprechen kannst und dir alle Hintergrundgeräusche entgehen. Es heisst, man ist abhängig von jemandem aus einer gewissen sozialen Klasse oder Sekte oder politischen Position, der das Land für dich filtert und dir vermittelt. Vielleicht ist der betreffende Sunni und hat nur begrenzte Kontakte außerhalb seiner Gemeinde. Vielleicht ist er Christ aus Beirut und weiss nur wenig über die Shia aus dem Südlibanon oder die Sunnis aus dem Norden.Vielleicht ist er Städter und verachtet die Leute vom Lande. Im Irak kommt er vielleicht aus der Shia der Mittelklasse aus Bagdhad oder ein ehemaliger Arzt oder Igenieur, der auf die armen Städter herabschaut, die aus Sadristen bestehen. So kam es im Mai 2003, als ich der erste amerikanische Journalist war, der Muqtada Sadr interviewte, dass mein Bürochef beim Time Magazin auf mich wütend war, weil ich meine Zeit verschwendete und sckickte das Interview an die Herausgeber in New York, ohne Sadr zu fragen, weil Muqtada unbedeutend sei, ohne Beziehungen. Aber im Irak sind soziale Bewegungen, Straßenbewegungen, Milizen, die vor Ort Macht besitzen, viel wichtiger als die vom Establishment oder Politiker in der Grünen Zone, denn es sind die Ereignisse in der roten Zone, die die Dinge steuern.

Man kann ein Land nicht verstehen, indem man im voraus geplante Aufträge ausführt; man lernt, wenn ungeplante Ereignisse eintreten, wenn man das Viertel eines Freundes zum Spaß besucht und die Nachbarn dazustoßen. Man lernt das Land kennen, wenn man in einem normalen Auto herumfährt, nicht in einem gepanzerten Wagen mit gefärbten Scheiben. Dann bitten dich irakische Soldaten und Polizisten um eine Mitfahrt nachhause. Vor ein paar Monaten baten mich Soldaten an einem Checkpoint außerhalb von Ramadi, einen ihrer Kollegen mit nach Baghdad zu nehmen. Er war aus Basra. Außer dem Gespräch, das wir führten, war das Interessanteste, dass ein Soldat außerhalb Ramadi sich sicher genug fühlte, einen Fremden um eine Mitfahrt zu bitten, während er früher nicht einmal die ID-Karte dabei gehabt hätte, und dass ein Fremder einverstanden ist, ein Mitglied des Sicherheitsdienstes mitzunehmen. Seither habe ich öfters irakische Soldaten und Polizisten mitgenommen.

Klassenpolitik

Während des vergangenen Jahres hat es eine Menge von Artikeln darüber gegeben, ob irakische Sicherheitskräfte in der Lage seien, die Sicherheit alleine zu übernehmen, aber die basierten alle auf den Erklärungen amerikanischer oder irakischer Beamter. Die Journalisten haben nicht mit einem irakischen Leutnant oder Oberst oder Unteroffizier geredet, weil sie diese Quellen nicht kultiviert haben oder sich mit ihnen angefreundet haben, sie auf einen Drink eingeladen haben, wenn sie frei hatten, bei ihnen zuhause mit ihren Familien gesessen haben. Also wird über die Ansichten der irakischen Sicherheitskräfte, der irakischen Soldaten und Polizisten, die an den Checkpoints stehen und Einsätze ausführen, nicht geschrieben. Wenn man sie trifft, lernt man auch verstehen, bis zu welchem Grad das Sektierertum in den Sicherheitskräften zurückgegangen ist, während Korruption und Misshandlungen wie Folter und außergerichtliche Morde nach wie vor ein Problem sind.

Und wenn man seit 2009 im Land herumfährt, dann wird klar, dass die irakischen Sicherheitskräfte das aktuelle Niveau der Sicherheit (oder Unsicherheit) aufrechterhalten können, weil sie es schon die ganze Zeit getan haben – die Checkpoints bemannen in den abgelegensten Dörfern, ihre eigenen Quellen kultiviert haben und im Grunde Irak besetzt halten. Das Ausmaß, in dem Irak nach wie vor stark militarisiert ist, wurde nicht ausreichend vermittelt, aber da seit 2009 die irakischen Sicherheitskräfte Irak besetzt halten und die amerikanische Anwesenheit vom Gesichtspunkt der alltäglichen Sicherheit gesehen ziemlich irrelevant ist.

Und dann gibt es die kleinen Abu Ghraibs. Die großen Skandale wie Abu Ghraib oder die „Killerteams“ in Afghanisten kommen irgendwann in die Medien, wo sie als faule Äpfel und Ausnahmen abgetan werden können und die allgemeine Unterdrückung durch die Besatzung ignoriert werden kann. Aber eine Besatzung ist ein systematisches und konstantes Aufzwingen von Gewalt auf ein ganzes Land. Das heisst 24 Stunden Verhaftungen, Schläge, Morde, Erniedrigung und Terrorisierung, und wenn man es nicht selbst erfahren hat, ist es unmöglich, es zu beschreiben, es sei denn, man versucht, alles aufzulisten, bis der Leser taub wird. Ich war nur dreimal in acht Jahren „eingebettet“ – zweimal in Irak für jeweils zehn Tage und einmal in Afghanisten für drei Wochen.

Das erste Mal in Irak war im Oktober 2003, sechs Monate nach meiner Ankunft. Ich war in der Provinz Anbar. Ich sah Soldaten hunderte von Männern verhaften, ganze Dörfer zusammentreiben, alle sogenannten Männer im Militärdienstalter, und hoffend, dass jemand etwas wüsste. Ich sah die Kinder nach ihren Papas schreien, als sie zuschauten, wie sie bluteten und geschlagen und in Angst und Schrecken gerieten, während die Soldaten lachten oder rauchten oder Pause machten oder Tabak kauten und auf den Rasen spuckten, während Leben zerstört wurden. Ich weiss von einem Mann, der nach seiner Verhaftung unter der Folter starb, und zahllose andere endeten in Abu Ghraib. Ich sah alte Männer, brutal zu Boden geworfen. Ich sah, wie unschuldige Männer geschlagen, verhaftet, verhöhnt und erniedrigt wurden. Dies sind die kleinen Abu Ghraibs, die bei jeder Besatzung auftreten, selbst wenn die schwedischen Mädchenpfadfinder ein Land besetzen.

Viele Journalisten verbringen ihre gesamte Karriere eingebettet, Monate oder sogar Jahre. Multipliziert, was ich sah, mit hundert, tausend und zehntausend von terrorisierten Familien, Schlägen, Morden, Kindern, die ihre Väter verloren und jede Nacht ihr Bett nässen, Frauen, die nicht ihre Familie versorgen können, unschuldige Menschen, die an den Checkpoints erschossen werden. Und dann gibt es die täglichen Abu Ghraibs, die man erdulden muss, wenn man in einem besetzten Land lebt, und man durch ein Labyrinth von riesigen Zementmauern oder von Stacheldrahtverhauen navigieren muss, an Checkpoints warten muss, Konvois vorbeilassen muss, auf das Ende von Militäroperationen warten muss, auf das Ende von Ausgangssperren, Militärfahrzeuge einen von der Straße scheuchen, fünfzigkalibrige Maschinengewehre auf dich gerichtet sind, M16s auf dich gerichtet sind. Pistolen auf dich gerichtet sind, große ausländische Soldaten dich anbrüllen und herumkommandieren. Oder vielleicht in Afghanistan ein Militärkonvoi einen Wasserkanal niederwalzt, der das Wasser für ein Dorf mit 30 Familien liefert, die jetzt keine Möglichkeit haben zu leben, oder ein unschuldiger Afghane wird verhaftet, weil er Talibanmusik auf seinem Mobiltelefon hat – wie so viele Afghanen – und nun durch das afghanische Gefängnissystem geschleust wird.

Aber wenn man weiß ist und sich mit weißen amerikanischen Soldaten identifiziert, dann ignoriert man diese Dinge, weil sie ja nicht einem selbst passieren. Und dann passieren sie auch nie für die Leser. Und ebensowenig denkt man jemals an den durchschnittlichen Jemeniten oder Ägypter oder Iraker und wie sie tagtäglich mit ihren eigenen Sicherheitskräften zu Recht kommen, weil man auf die Elite der Politik und Sicherheit fokusiert ist und dein Auto niemals an Checkpoints gestoppt wird, weil du die richtigen Passiermarken hast. Du wirst auch nicht von der Polizei verhaftet, weil du den richtigen Ausweis hast. Bis man von Regimegangstern verprügelt wird wie Anderson Cooper, dann wird man zu einem hysterischen Mubarak-Gegner und Kreuzfahrer für Gerechtigkeit. Die Fernseh-Berichterstattung schützt ihre Reporterberühmtheiten über alle Maßen – sie gehen kaum hinaus, sie sind einfach nur eingebettet – und sie machen ihre Live-Aufnahmen auf der Straße in ihren sicheren Vierteln, was dann mehr zu einer Story über den berühmten Korrespondenten wird als eine Berichterstattung.

Robert Kaplan, ein furchtbarer Schreiber und großer Fan des Imperialismus, sagte aus Versehen mal eine gute Sache, als er die Journalisten kritisierte, dass sie sich nicht mit amerikanischen Soldaten gemein machen könnten, weil die Journalisten eine Elite repräsentierten, während die Soldaten vom Lande kämen, in öffentliche Schulen gingen und aus der Arbeiterklasse kämen (dieses Wort sollen wir ja nicht anwenden, weil jedermann in Amerika glaubt, er gehöre zur Mittelklasse). Aber gleichermaßen können sie sich nirgends mit der Arbeiterklasse verbinden und kreisen daher um die Eliten. Sich auf Eliten und Beamte zu konzentrieren, ist ein allgemeines Problem, nicht nur in der Berichterstattung über den Nahen Osten. Ein amerikanischer Beamter, der die Region besucht, fordert Artikel an, studiert sie aber nicht empirisch in ihrem Kontext. Leute an der Macht lügen, ob sie ein General, ein Präsident oder ein Milizenkommandant sind. Das ist die erste Regel. Aber bestenfalls handeln Journalisten, als ob nur braune Leute an der Macht lügen und verlassen sich daher auf offizielle Mitteilungen weißer Leute, ob Militäroffiziere oder Diplomaten, als ob man denen trauen könnte. Das jüngste Beispiel ist der Mord an bin Laden, wo sich die meisten Mainstreamjournalisten auf „das Futter“ der US-Regierung verließen; und sie wurden buchstäblich mit einer offiziellen Version gefüttert, die sich ständig veränderte, aber das ist business as usual.

Die Revolution muss vom Fernsehen übertragen werden

Ein Grund für die Weigerung der Journalisten, die Grüne Zone zu verlassen, mag eine Kombination aus Faulheit und Abneigung gegen Beschwerden sein. Aber in Irak, Afghanistan, anderen Entwicklungsländern und in Konfliktzonen muss man die komfortable Zone verlassen. Man mag einen Englisch sprechenden, Whiskey trinkenden Politiker einer sechsstündigen Fahrt über holprige Erdstraßen in Hitze und Staub vorziehen, um dann auf dem Boden zu sitzen, ungesunde Nahrung und schmutziges Wasser zu sich zu nehmen und zu wissen, dass man am nächsten Tag krank sein wird, aber der Weg zur Wahrheit erfordert eine gewisses Maß an Diarrhöe.

Wenn es keine physischen grünen Zonen gibt, dann werden die Journalisten sie schaffen, wie im Libanon, wo sie die grünen Zonen von Hamra, Gumayzeh oder Monot bewohnen, in denen auch die Journalisten aus dem Lande wohnen, die ihnen gerade so viel Exotik bieten, dass sie sich fühlen können, als lebten sie im Orient, ohne Tripoli, Akkar, Beqa oder den größeren Teil von Beirut oder Libanon besuchen zu müssen, wo die Armen wohnen. Wie in anderen Ländern gibt es auch im Libanon eine Mafia von Mittelsmännern und Dolmetschern, die den Preis festlegen und es dem Journalisten, der hereingeschneit kommt, erlauben, Vertreter aller politischen Gruppen zu treffen, Wein mit Walid Jumblat zu trinken, seine Sammlung von ungeöffneten Büchern (einschließlich einem von mir) anzuschauen und ungelesener Exemplare der New York Review of Books, ohne jemals durch ein palästinensisches Flüchtlingslager gehen zu müssen oder nach Tariq al Jadida in Beirut oder Bab al Tabaneh in Tripoli und zu sehen, wie die meisten Leute leben und welche Sorgen sie haben.

Eine grüne Zone kann die Hauptstadt oder ein Viertel oder der Fokus allein auf Beamte sein, wenn sie nur getrennt ist von der roten Zone der Wirklichkeit oder Armut oder des Klassenkonfliktes, von Herausforderungen der eigenen Ideologie oder Bequemlichkeit. In Ägypten, sogar schon vor der Revolution, hat Kairo den größten Teil der Aufmerksamkeit der Medien erhalten, aber während der Revolution sind die Journalisten kaum über den Tahrirplatz hinausgegangen. Ägypten hat 86 Millionen Einwohner – es ist nicht nur der Tahrirplatz oder nur Kairo oder Alexandria. Port Said und Suez wurden kaum erwähnt, obwohl Suez der Revolution einen entscheidenden Anstoß gab. In Libyen war zu Anfang alles neu und jedermann war ein Forscher und Abenteurer, aber jetzt versucht die selbsternannte Oppositionsführung, die Botschaft zu formulieren, so dass man faul sein kann und einfach ihrer Erklärungen weiterreicht. Jemen wurde völlig beiseitegelassen, aber wenn Leute kamen, dann fast durchweg nach Sanaa. Und Jemens Hauptstadt hat ihre eigene grüne Zone im Möwenpick Hotel, das sicher außerhalb der Stadt liegt. Jetzt wird Jemen dargestellt, als ob es zwei rivalisierende Lager gäbe, die in Sanaa demonstrieren, obwohl der Aufstand lange zuvor (der sehr viel gewaltsamer war) in Taez, Aden, Saada und anderswo begann. Jemen wird vor allem durch die Brille des Krieges gegen den Terror gesehen, durch die Brille der amerikanischen Regierung, statt die Bedürfnisse und Ansichten des Volkes zu sehen. Aber wenn man nur ein wenig mit den Demonstranten spricht, wird man merken, wie bedeutungslos al-Qaida und deren Ideologie in Jemen ist, so dass sie nicht einmal einen Artikel verdient. Und man tut gut daran, sich zu erinnern, dass, auch wenn die jemenitische Variante von al-Qaida als die größte Bedrohung Amerikas dargestellt wird, so ist AQAP [Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel] kaum mehr als ein Unterhosenbomber und eine versagende Bombe aus einer Druckerpatrone.

Die amerikanische Berichterstattung ist problematisch in der gesamten Dritten Welt, aber weil der amerikanische Militär/Industrie/Finanz/Akademiker/Medien Komplex so direkt mit dem Nahen Osten verwickelt ist, sind die Konsequenzen solch schlechter Berichterstattung viel bedeutsamer. Journalisten dienen am Ende als Propagandisten, um die Ermordung unschuldiger Menschen zu rechtfertigen, anstatt eine Stimme dieser Menschen zu sein.

Es gibt viele tapfere und engagierte Journalisten im Nahen Osten, deren Arbeiten Aufmerksamkeit und Lob verdienen. Manche arbeiten sogar für Mainstreammedien. Zu häufig gehen ihre unabhängigen Stimmen unter in der Masse der Schreiber, die die Macht rechtfertigen, statt ihr zu widerstehen. Unsere Arbeit sollte nicht sein, der Macht die Wahrheit zu sagen. Die Mächtigen kennen die Wahrheit, aber sie kümmern sich nicht darum. Es geht darum, dem Volk die Wahrheit zu sagen, denen, die keine Macht haben, um sie stärker zu machen.

Dieser Artikel basiert auf einer Rede auf einer von Jadaliyya gesponsorten Konferenz über Nahost-Lehren an der George Mason Universität.

Quelle:

Über denkbonus

Politischer und religiöser Freidenker | Grobstofflich | Wer sein Bewußtsein erweitern will, muss zuerst welches besitzen
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