Den Schießbefehl verweigert – Eine wahre Geschichte

Soldaten wollen keinen Krieg. Sind sie es schließlich, die ihn austragen müssen. Für die Interessen der Industrie und der Börsen sowie für machthungrige Eroberer

Im Schützengraben - Bild: Wikipedia

Im Schützengraben – Bild: Wikipedia

Es war bitterkalt an diesem Weihnachtsabend im Jahre 1914. Die Soldaten froren in ihren Schützengräben. Zunächst hatte alles so einfach ausgesehen für den deutschen Kaiser. Bis Weihnachten, so ließ man die Soldaten damals wissen, seid ihr wieder zuhause. Ein Versprechen, dem die Soldaten zu diesem Zeitpunkt noch vertrauten. Der Schlieffen- Plan schien einfach. Zuerst Frankreich erobern, dabei schnell noch Belgien mitnehmen und dann ab nach Russland, zum Kernstück des großen Kuchens. Wer Zentralasien beherrscht, beherrscht die Rohstoffe dieser Welt. Zunächst waren die deutschen Truppen gut voran gekommen, aber dann waren die Engländer ebenfalls in den Krieg mit eingetreten, gegen Deutschland. Der Vormarsch geriet ins Stocken und nun saßen sie da, in ihren Stellungen, ohne auch nur einen Zentimeter weit voran zu kommen, aber auch ohne einen Zentimeter weit nachzugeben. Die Situation schien hoffnungslos.

Gut ging es keinem, weder hüben noch drüben. Über Monate hinweg hatten sich die Gegner abgeschlachtet. Mit Handgranaten, Giftgas, Gewehrkugeln und Bomben. Die vielen Toten in den Gräben faulten vor sich hin, es stank entsetzlich. Die Haut an den Füßen, seit Wochen nicht mehr trocken geworden, quoll auf. Bakterien konnten so durch Floh- und Läusestiche hinein gelangen, darunter Clostridium perfringens, der Erreger des Gasbrandes. Die Wunden konnten unter diesen Bedingungen nicht abheilen und schwärten schmerzhaft eiternd. Die Angst hielt jeden gefangen, wer würde der nächste sein, den der Tod ereilte? Bereits 160.000 tote junge Männer hatten die Briten zu beklagen, auf deutscher Seite waren sogar 300.000 Gefallene zu verzeichnen. Manch einer von ihnen mochte sich einen schnellen Tod herbei gesehnt haben, als einzige Erlösung aus diesem Albtraum.

zaghafte Begegnung

zaghafte erste Begegnung unter Feinden

In diesem Moment geschah etwas Unerwartetes. In der Dunkelheit eines der deutschen Gräben flackerte plötzlich der schwache Schein einer Kerze auf. Langsam wurde die Kerze von unsichtbarer Hand hin und her geschwenkt. Kein Schuss fiel. Die Hand mit der Kerze wurde mutiger, zeigte sich ein wenig mehr. Immer noch kein Schuss. Plötzlich flammte eine weitere Kerze auf und dann noch eine und noch eine. Eine zerlumpte Gestalt mit einer brennenden Kerze in der Hand entstieg dem Schützengraben und wagte sich langsam und sehr vorsichtig ein kleines Stück weit aus ihrer Deckung heraus. Es blieb still. Bis auf einmal eine Stimme erklang. Sie rief: „English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!“

Damit hatte Frederick W. Heath nicht gerechnet. Der britische Gefreite war so verlüfft über die brennende Kerze, dass er sofort seinen Vorgesetzten darüber informierte. Nichts war strenger verboten, als nachts in einem offenen Schützengraben ein Licht zu entzünden. Noch während er den Funkspruch absetzte, sah er, wie weitere Lichter in der Dunkelheit hinter den feindlichen Linien zu flackern begannen. Er wartete. Schon einmal waren seine Leute von den Deutschen genarrt worden. Eine Gruppe von Deutschen hatte vor nicht allzu langer Zeit an der Westfront die Hände gehoben und sich ergeben. Als die Briten jedoch ihre Gewehre senkten, traten weitere Soldaten aus einem Hinterhalt hervor uns erschossen sie. Heath blieb daher lieber misstrauisch.

Dann sah er, wie langsam eine Gestalt aus der gegnerischen Deckung trat. Nach und nach folgten weitere und begannen sich zusehends unbekümmert auf ihn und seine Männer zuzubewegen. Sie wären ein leichtes Ziel gewesen, doch etwas hielt ihn davon ab, den Abzug zu ziehen. Davon abgesehen, dass dies in einem solchen Moment verdammt unbritisch gewesen wäre, erkannte er in diesem Augenblick überdeutlich, dass diese armseeligen und verdreckten Gestalten dort im Niemandsland Menschen waren wie er selbst. In dieser Nacht waren sie nicht als Feinde gekommen, die ihn töten wollten. Zumindest nicht in diesem Augenblick, in dem sie so ohne jede Deckung und beleuchtet vom Schein ihrer Kerzen vor ihm standen. Der Sportsgeist begann sich in ihm zu regen. Sollten er und seine Truppe wie ein Haufen Feiglinge dastehen?

Seitliche Blicke wurden getauscht, Sätze geflüstert. Die Briten traten nun ebenfalls heraus aus ihren Gräben. Misstrauisch hielten sie ihre Gewehre fest umklammert. Aufmerksam verfolgten sie jede kleine Bewegung der Deutschen, aber die standen nur unsicher da und plötzlich erschallte anfangs zögerlich, dann jedoch immer kräftiger, ein Weihnachtslied. Stille Nacht, heilige Nacht. Die Briten eilten auf die Deutschen zu und ergriffen die Hände, die sich ihnen entgegen streckten. Auch sie begannen zu singen. Silent night, holy Night. So sangen sie gemeinsam dasselbe Lied, jeder in seiner eigenen Sprache.

friedlich unterm Tannenbaum

Gegner, friedlich vereint unterm Tannenbaum

Sie wünschten einander frohe Weihnachten, setzten sich zusammen und begannen, kleine Geschenke auszutauschen. Eine Kartoffel wechselte den Besitzer, ebenso wie eine halb gerauchte Zigarre und eine Pfeife mit angstvoll zerkautem Mundstück. Jemand hatte ein kleines Tannenbäumchen geschlagen und mit einigen Fetzen Stoff und Kerzen geschmückt. Die gegnerischen Soldaten zeigten sich gegenseitig Fotos ihrer Liebsten daheim und nach dem ersten Kennenlernen, den ersten Unterhaltungen, wurden vereinzelt Adressen ausgetauscht. Es begann, nach Essen zu duften. Englischer Christmas Pudding, eine traditionelle Fleischspeise, machte die Runde. Einen Tag zu früh. Sie wird in England stets am ersten Weihnachtstag gegessen. Diesmal nicht, stattdessen wurden die unterernährten, proteinhungrigen Deutschen an diesem Abend zu erklärten Freunden der englischen Küche. Einem Soldaten war es gelungen, ein paar Flaschen Bier zu organisieren, deren Inhalt nun sorgsam wie Champagner verteilt wurde. Der Geruch gemeinsam gerauchter Zigaretten zog durch die Luft und es war Weihnachten.

Fußballmatch zwischen Briten und Deutschen

Fußballmatch zwischen Briten und Deutschen

Bis zur Morgendämmerung war entlang des gesamten Frontabschnitts nicht ein einziger Schuss zu hören. Nur englische und deutsche Weihnachtslieder, mal einzeln, mal gemeinsam. Psalme wurden intoniert, ebenfalls mal einzeln, mal gemeinsam. Die Offiziere beider Seiten hatten das Geschehen sorgsam verfolgt, hielten sich jedoch zurück und beschlossen, zunächst nicht einzugreifen. Plötzlich ertönten Ballgeräusche. Ein paar Deutsche und Briten lieferten sich im Niemandsland ein kleines Fußballmatch.

Dann jedoch ertönte der Befehl: „Zurück in die Gräben!!!“ Briten und Deutsche verabschiedeten sich voneinander und kehrten gerührt und zum Teil mit Tränen in den Augen in ihre Stellungen zurück. Der Krieg wollte nicht mehr so recht in Gang kommen. Die nächsten Schüsse wurden lediglich in die Luft abgegeben. Manch einer weigerte sich komplett, zu schießen. Schwerste Disziplinarstrafen wurden den Soldaten von ihren Vorgesetzten angedroht. Bis in die Januarmitte hinein wurden noch Kontakte mit dem Feind gepflegt, dann zerfetzten erneut Kugeln und Schrapnell das Fleisch.

Der historische Weihnachtsfrieden von 1914 – 7:43

Quellennachweis und weiterführende Links:

Über denkbonus

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2 Antworten zu Den Schießbefehl verweigert – Eine wahre Geschichte

  1. daopan schreibt:

    Ich habe diesen Artikel gerne gelesen, und es hat mich zu Tränen gerührt. Vielen Dank für diesen Text.

    Solche Momente wünschte ich mir überall, immer und jederzeit. Damit meine ich nicht Kriege allein, sondern bei der Arbeit, beim Fußballspiel mit dem Gegner, oder sei es nur, daß man einen Tremper mitnimmt, anstatt daß mancher rausschreit: „Ich nehm dich nicht mit!“ obgleich dieser nicht einmal am Steuer sitzt, sondern auf dem Beifahrersitz und höhnisch lacht.
    Wir verblöden und verrohen über die Massenmedien, daß wir Gewehr bei Fuß stehen, wenn eine (falsche) Autorität etwas sagt oder es der Gesetzgeber fordert, aber die einzige Autorität sollten folgende Gedanken haben, nach denen man lebt und handelt:
    Hilfsbereitschaft, und dies immer und überall, was auch bedeutet, daß man Hilfe anbietet, wenn man sieht der andere hat Probleme.
    Es sind so viele Dinge mit Werten aufgeladen, an denen man sich streitet, daß man sich darüber voneinander entfernt und isoliert. Diese „Werte“ sollten hyperinflationär behandelt werden, dann könnten die Menschen auch wieder aufeinander zukommen, anstatt weiter über Nichtigkeiten zu streiten und dem anderen seine Meinung zu lassen.

  2. Einar Schlereth schreibt:

    Ja, Josch, das gab es und sogar öfters als man glaubt. Nur leider hielt es nicht an. Anstatt ihre Gewehre umzudrehen.

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