An alle Juden dieser Welt

Ein Aufruf aus Israel an Juden in aller Welt: Wenn Euch Israel etwas bedeutet…

[Druckerfreundliche Version]
3. Mai 2013 – כ״ג באייר תשע״ג

Besorgte Juden und Israelis wenden sich mit diesem Aufruf an die schweigende Mehrheit der Juden in der Welt…

dont bomb - talk

Bild – Flickr

Unter den Hunderten Erstunterzeichnern finden sich etliche Israel-Preisträger, Ehrenbürger Jerusalems, Alon-Preisträger etc. (u.a. Chaim Adler, Yehuda Bauer, Nehama Ben Eliahu, Daniel Kahemann, Dani Karavan, Sami Michael, Judd Neeman, Gabi Salomon, Sami Smooha, Misha Ulman u.v.a…)… Professor Daniel Bar Tal (Dep. Psychology, TLV-Univ.) und Amit Goldenberg veröffentlichten den Text (if-you-care-about-israel) zu Pesach 2013 und wandten sich in erster Linie an die progressiv-liberalen Juden Amerikas. Die World Union of Progressive Judaism ist die größte jüdisch-religiöse Organisation weltweit.

Wenn Ihr Euch Sorgen um Israel macht, dann solltet ihr nicht länger schweigen!

Als besorgte Juden und Israelis rufen wir euch auf, öffentlich eure Bedenken über die augenblickliche kritische Situation in Israel zum Ausdruck zu bringen und den Staat Israel aufzurufen, zu den friedlichen, moralischen, demokratischen und humanistischen Werten, die uns lieb und wert sind, zurückzukehren. Wir senden euch diesen dringenden Appell, weil wir glauben, dass ihr als liberale Juden mit uns die humanistischen Werte unseres jüdischen Erbes teilt und unsere Bemühungen unterstützt, den Verfall der israelischen Gesellschaft zu verhindern.
Liberale Juden in aller Welt haben sich immer darum bemüht, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen – „Tikkun Olam“ nach der Tradition der Propheten.
So wie man überall gegen Unmoral und antidemokratische Handlungen angeht und seine Stimme gegen Diskriminierung von Juden in andern Ländern erhebt, muss man auch seine Stimme hörbar machen, wenn Israel von unserer jüdisch-humanistischen Tradition abweicht, indem es sich von deren moralischem, den Frieden suchenden und demokratischen Weg abwendet.

In den letzten Jahren waren wir Zeugen eines dramatischen Wandels in Israel. Die wachsende Dominanz von nationalistischen, expansionistischen und antidemokratischen Ideologien, Zielen und politischen Vorgehensweisen haben die demokratische und moralische rote Linie schon überschritten. Die andauernde Besatzung der Westbank und die Expansion der jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten verletzen die elementaren Menschen- und kollektiven Rechte der Palästinenser und reißen das moralische Gefüge der israelischen Gesellschaft auseinander – wie etwa die Weigerung der letzten Regierung, sinnvolle Verhandlungen mit den Palästinensern und der arabischen Welt zu führen, was eine friedliche Vereinbarung in Bezug auf den anhaltenden Konflikt hätte bringen können.

Die letzte Regierung ignorierte die arabische Friedensinitiative, die beim Arabischen Gipfeltreffen in Beirut 2002 zustande kam und die für die Errichtung eines palästinensischen Staates in der Westbank, im Gazastreifen und Ostjerusalem neben dem Staat Israel aufrief. Die Gegengabe wäre ein Ende des Konflikts gewesen, Frieden und die Normalisierung der Beziehungen. Stattdessen führte die Regierung ihre expansionistische Politik weiter fort, die, wenn sie nicht bald gestoppt wird, eine Zwei-Staaten-Lösung unmöglich macht.

Mit dieser Politik verletzt die Regierung nicht nur das Völkerrecht, sondern auch israelische Gesetze und unterminiert die Grundlagen der israelischen Demokratie. Wir sind Zeugen fortgesetzter, systematischer und oft erfolgreicher Versuche, Gesetze zu verabschieden, die den fundamentalen demokratischen Prinzipien der Gleichbehandlung von Minderheiten widersprechen. Die letzte Regierung initiierte eine Bildungspolitik, die nach und nach die humanistischen und demokratischen Werte der Bildung untergräbt und stattdessen enge, nationalistische und intolerante Werte vermittelt. Es hat systematische Versuche gegeben, die Kritik an israelischer Politik zum Schweigen zu bringen und Stimmen in Hochschulen, Medien und NGOs, die mit der Politik Israels nicht einverstanden sind, zu delegitimieren.

Es geschehen wiederholt Versuche, das Rechtssystem zu kontrollieren, indem der Oberste Gerichtshof angegriffen und seine Unabhängigkeit eingeschränkt wird. Wir sind auch Zeugen zunehmender Versuche extremistisch religiöser Kräfte, ihre monopolistischen Praktiken auf verschiedene Lebensbereiche auszudehnen und andere religiöse Denominationen anzugreifen. Insgesamt stellen wir schwerwiegende Abweichungen vom moralischen und demokratischen Kompass, der unsere Gesellschaft zu Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit führen sollte, fest [dem Originalaufruf ist eine Dokumentation beigefügt].

Als bedeutende Minderheit in Israel brauchen wir euch als Partner bei unseren patriotischen Bemühungen, Israel zu retten, und um sicher zu gehen, dass es eine Gesellschaft bleiben wird, die die Vision unserer Gründerväter verkörpert, wie sie in der Israelischen Unabhängigkeitserklärung festgelegt wurde. Unsere Stimmen müssen laut und deutlich gehört werden, so dass bekannt wird, dass es noch ein moralisches und humanes Judentum gibt und dass dieses Judentum nicht nur den Mut hat, Ungerechtigkeit und Unmoral andernorts zu kritisieren, sondern sie auch anzuzeigen, wenn diese in Israel geschehen.
Dies ist ein ultimativer Ausdruck unserer Sorge und Liebe zu Israel. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen, die für unser Schweigen und unsere Gleichgültigkeit einen hohen Preis zahlen werden müssen. Die Kosten für das Schweigen übersteigen bei weitem die Kosten des Engagements.

Was auf dem Spiel steht, ist nichts weniger als die Zukunft des Staates Israel, der israelischen Gesellschaft und des jüdischen Volkes.

Ja, es stimmt, dass bösartige Versuche unternommen werden, jene zu ächten und zu delegitimieren, die Politik und Handeln der Regierung Israels kritisieren, hier in Israel und in jüdischen Gemeinden in aller Welt. Wir kennen all die Argumente gegen die Kritik, wie sie von Behörden ausgesprochen werden. Es gibt eine wachsende Monopolisierung des Patriotismus, selbst was den Terminus Zionismus betrifft, der nur eine Ideologie, ein Ziel und eine Politik als legitim und patriotisch gelten lässt. Alle andern Ansichten werden für den Staat Israel und das jüdische Volk als schädlich gebrandmarkt. Berechtigte Kritik wird als „anti-semitisch“ „anti-Israel“ oder gar als „Selbsthass“ dargestellt. Dies zielt dahin, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, indem man Furcht einflößt und so ein mächtiges Mittel hat, das immer wieder von antidemokratischen Kräften in verschiedenen Gesellschaften verwendet wird. Es hat wiederholt nicht nur zu Freiheitsbeschränkung geführt, sondern hatte auch verheerende Konsequenzen für diese Gesellschaften. In den letzten Jahren sind Kräfte, die diese Einstellung in Israel hatten, offener und wagemutiger geworden und sind jetzt in mehreren Institutionen der Gesellschaft gut vertreten. Die Menschheit hat gelernt, dass Schweigen und Ignoranz keine düsteren Realitäten verändern, und dass nur kritisches Denken, freie Rede und offene Kritik zu Fortschritt führen.

Wir bewundern alle Individuen wie Émile Zola, der den Mut hatte, die Aufmerksamkeit der französischen Gesellschaft auf das Verschwinden von gerechten und moralischen Prinzipien zu lenken, indem er der französischen Armee Justizbehinderung und Antisemitismus vorwarf, während man Alfred Dreyfus fälschlicherweise verurteilte. Er zögerte nicht, die französischen Führer in Zeiten der Spannungen zwischen Frankreich und Preußen zu kritisieren. Er musste seinen Wagemut teuer bezahlen. Wie Zola sollten wir im Anblick von Israels Abweichen von elementaren moralischen und demokratischen Regeln nicht nur Zuschauer sein.

Der nationalistisch-religiöse Zweig des Judentums (nicht nur in Israel) hilft und nimmt offen Partei für die fehlgeleitete Politik der gegenwärtigen Regierung – politisch, finanziell, organisatorisch – während viele im liberalen jüdischen Lager daneben stehen und zögern, ihre Sorgen zum Ausdruck zu bringen.

Wenn wir alle wie gelähmt bleiben, werden wir schließlich die Grundlage unserer gemeinsamen jüdischen Identität verlieren, zu der Israel viel beigetragen hat. Als Zugehörige zum jüdischen Volk müssen wir gegen Unrecht unsere Stimme erheben, und zwar gerade aus Liebe zu Israel. Es ist unsere Aufgabe, uns mit Situationen zu befassen, die beträchtlich vom moralischen Kodex und den Normen abweichen, ob innerhalb der Familie oder innerhalb der weiteren Gemeinschaft. Als liberale Juden, denen ihr Judesein etwas bedeutet und die mit Israel verbunden sind, müssen wir alle Teil der gemeinsamen Anstrengungen sein, Israel vor den nationalistischen, antidemokratischen und fremdenfeindlichen Strömungen zu retten, die es jetzt noch fest im Griff halten.

Wir müssen alle unsere Vorbehalte und unsere Kritik laut und klar aussprechen. Es ist unsere Pflicht, gegen Unrecht zu sprechen und zu handeln, als letztendlicher Ausdruck unserer Identität und unseres Gewissens. Letztlich wird die Geschichte uns an unserem Tun beurteilen.

Quelle:

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