Das Schöne an Katastrophen

Die herausragende Tragik von Wirtschaftswissenschaftlern besteht darin, dass sie ungeheuer viel wissen und ungeheuer wenig können. Hilflose Theoriesilos, zwar bis zum Zerbersten gefüllt mit algorithmischen Formeln, Lehrsätzen und Zitaten. Dennoch unfähig, auch nur einen einzigen Aspekt unserer wirtschaftlichen Probleme so zu steuern, dass er lösbar wird

Das Goldene Kalb – Anbetung eines Todesstoßes

Es ist ein sonniger Mittwoch Morgen im frühen Juni des Jahres 1998. Der ICE Wilhelm Conrad Röntgen hat Hannover ungefähr 20 Minuten hinter sich gelassen und rast mit 198 Km/h weiter in Richtung Hamburg. Plötzlich bricht eines der Räder des Schnellzuges. Das Zugunglück von Eschede nimmt seinen Lauf. Rund 200 Meter vor einer Autobahnbrücke springt ein Wagon nach dem anderen aus den Schienen, der Zug schiebt sich zusammen wie eine Zieharmonika und rast auf der Seite liegend weiter bis gegen die Autobahnbrücke. Der havarierte ICE reißt die Stützpfeiler der Brücke weg, diese bricht zusammen und begräbt Teile des Zuges unter sich. 100 Menschen verlieren bei dem Ereignis ihr Leben. 43 Menschen gelangen schwerverletzt in die umliegenden Kliniken, 56 weitere werden ebenfalls verletzt, wenngleich weniger schwer. So betrachtet ist der entgleiste Schnellzug ein absoluter Glücksfall.

Zumindest aus Sicht der Ökonomen, denn die Katastrophe hatte das jährliche Bruttoinlandsprodukt um mehr als 220 Millionen D- Mark gesteigert. Tausende Sachverständige aus aller Herren Länder wurden angefordert und führten Sonderuntersuchungen im Wert von 10 Millionen DM durch. Der Austausch der Räder schlug für die Bahn mit 30 Millionen DM zu Buche. Der Schaden an Zug und Strecke belief sich Schätzungen zufolge auf rund 55 Millionen DM. Für die psychosoziale Betreuung der Unglücksopfer und der durch die Bilder traumatisierten Helfer wurde eigens ein Fond in Höhe von 5 Millionen DM eingerichtet. Insgesamt ergingen Schadensersatzleisten an die Angehörigen in Höhe von 145 Millionen DM, die vor allem der Behandlung und späteren Betreuung der Zugopfer zugeführt wurden. Dazu die Kosten für die Neuerrichtung der Autobahnbrücke. Abgesehen von den Opfern und deren Angehörigen, bzw. Hinterbliebenen, gab es also nur Gewinner, die dem Markt nützen, weil sie ihre Gewinne in den monetären Kreislauf einspeisen.

Unserer kapitalistischen Verwertungslogik ist derartiges Denken inhärent. Sie interessiert sich weder für Auswirkungen, noch für Fragen der Sinnhaftigkeit oder Vermeidungsstrategien für die Zukunft. Ihr geht es nur um plus und minus. Es geht nicht um gut oder schlecht, es geht um Gewinn und Verlusst. Das System an sich ist bewusst so wertneutral gehalten, dass es sich problemlos über jede Sachlage stülpen und mit jeder Gesellschaftsform vernetzen lässt. Ob Kommunismus, Kapitalismus oder Konstruktivismus. Die Wirtschaft ist eine Hure, die es mit allem treibt. Und da nach Katastrophen und Krisen Neues aufgebaut werden muss, tun diese letztlich ebenso wie die globale Klimaveränderung den Börsen gut, schaffen Kriege ein gutes Investitionsklima. Nicht Vernunft ist der Motor der Märkte, sondern Wachstum. So kommt es, dass wir in einem ökonomischen System leben, welches Katastrophen als positiv verbucht. Ein derartiges System können wir mit Fug und Recht als krank bezeichnen.

Täglich starren ganze Heerscharen von Fachidioten gebannt auf Statistiken und Börsenindices, auf Gewinnprognosen und Inflationsraten, auf Staatsquoten, Zinsquoten, Marktpreise und Diskontsätze ohne zu realisieren, dass hier zwei völlig verschiedene Wirklichkeiten zusammenprallen. Eine echte, reale und erlebbare Lebenswirklichkeit einerseits und andererseits eine zweite, künstlich geschaffene und virtuell- abstrakte Systemwelt. Während wir in der einen leben, werden wir von der anderen in zunehmendem Umfang beherrscht. In dem Maße, in dem die künstliche Welt die Oberhand gewinnt, entschwindet die natürliche Welt ins Ungewisse. Soziale Grausamkeiten häufen sich dann ebenso wie Kriege, künstlich herbeigeführte Hungerkatastrophen, eine sinkende Lebenserwartung, menschliche Verrohung und Sittenverfall. Dies endet letztlich im Verfall ganzer Zivilisationen. Die unsere wäre nicht die erste, die dieses Schicksal teilt. Dem Kapitalismus ist dies reichlich egal. Er fühlt nicht, er denkt nicht, er funktioniert einfach nur. Solange, bis das letzte Licht ausgegangen ist. Denn mit dem Kapitalismus ist es wie mit dem Lotto. Jeder hat die Chance, den Jackpot zu knacken, aber nur einer tut es. Der Rest geht unter.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Kapitalismus überwunden werden muss.

Quellennachweis und weiterführende Links:

Über denkbonus

Politischer und religiöser Freidenker | Grobstofflich | Wer sein Bewußtsein erweitern will, muss zuerst welches besitzen
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3 Antworten zu Das Schöne an Katastrophen

  1. gold account schreibt:

    Zweitens edoch kann das Ergebnis der gegenwärtigen Krisenperiode nicht vorausgesagt werden. Der Marxismus befähigt uns, zu verstehen, was vor sich geht, und er dient als Anleitung zum Handeln. Er kann nicht den endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus vorhersagen. Der hängt davon ab, daß die Arbeiter der Welt erkennen, daß ausschließlich ihre Arbeit dieses System am Leben hält, und daß sie die Macht haben, dem ein Ende zu machen.

  2. Drschuh schreibt:

    Stimme zu !
    Frage: Wie ?!

  3. silver account schreibt:

    In nicht-marxistischen Theorien wird anstelle von „Gesellschaftsformation“ oder „Gesellschaftsform“ häufiger der Begriff „Gesellschaftssystem“ gebraucht. Auch die einzelnen Bezeichnungen variieren von Theoriegebäude zu Theoriegebäude (so spricht man etwa anstatt von „bürgerlicher Gesellschaft“ oder „Kapitalismus“ eher von „ Demokratie “), die Idee einer Stufenfolge der Gesellschaftssysteme, die auf Hegel zurückgeht, ist jedoch in fast allen Denkschulen anzutreffen. Auch sie wird freilich von manchen, insbesondere im Umfeld des Strukturalismus und Poststrukturalismus , als ethnozentrisch kritisiert.

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