Es kann besser werden

Seit mehreren Jahren lebt er in Deutschland. Noam* aus Israel hatte seine Heimat damals verlassen, um seiner Freundin nach Deutschland zu folgen. Im Interview gewährt der 23jährige Einblick in seine Gedanken.

 

Party- People in Haifa

Mit einer Handbewegung streicht er sich seine schulterlangen Dreadlocks aus dem Gesicht. Israel ist seine Heimat, dort hatte er zuletzt vier Jahre lang in einer Skulpturwerkstatt gearbeitet, aber es gibt viele Orte, die er interessant findet. So zum Beispiel Lüneburg, wo er an einem sonnigen Tag im Schatten der Bäume mit seinen Freunden am Tisch sitzt. Sein etwas kehlig vorgetragenes Deutsch ist auffallend gut und wo ihm ein Wort fehlt, weiß er es durch eine geeignete Umschreibung zu ersetzen. Von ihm erfahren wir, dass die Sozialsysteme in Israel, so wie auch in Deutschland, verschiedene Lebensbereiche abdecken. Ob arbeitslos, obdachlos oder kinderreich – die meisten Israelis sind versorgt, wenn auch nicht so gut wie in Deutschland. „Israel ist nicht Westeuropa.“

Sein Land war schon immer eine schwierige Region gewesen. Erste frühisraelische Spuren reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert v. Chr. Seither hatten sich Eroberer aus aller Herren Länder in seiner Heimat die Klinke in die Hand gegeben. Zuerst waren die Assyrer gekommen, dann die Babylonier. Es folgten die Perser und anschließend unter Alexander dem Großen die Griechen. Richtig schlimm wurde es ab dem Jahr 63 v. Chr., als die Römer das Land überfielen und die Juden knapp 200 Jahre später nach dem missglückten Bar-Kochba-Aufstand vollständig aus ihrem Land vertrieben. Die Liste der Eroberer setzte sich fort. Araber, Mameluken, Osmanen, ja sogar Päpste ließen es sich nicht nehmen, ihre Kreuzritter in die Wüstenregion zu entsenden. Zuletzt hatte das Land unter der Verwaltung von Briten, Franzosen und Italienern gestanden.

Noam findet die abwechslungsreiche Geschichte seine Landes gut, er selbst musste sie ja nicht miterleben, wie er lachend hinzufügt. Sein Land bietet eine Fülle an archäologischen als auch historischen Zeugnissen. Aber auch die jüngere Geschichte seines Landes brachte interessante Erscheinungen hervor. Viele Menschen aus verschiedenen Ländern trafen sich dort erstmals und brachten ihre unterschiedlichen Kultureinflüsse in das Land mit. So auch die Ashkenasi. „Die Ashkenasi sind alle die jüdischen Leute, die aus Europa kommen. Nicht aus ganz Europa, aus Spanien zum Beispiel nicht und auch nicht aus Osteuropa.“ Dann bringt er es auf den Punkt. „Ashkenasi heißt eigentlich Deutschland, das ist die ursprüngliche Bedeutung in den alten Texten.“ Neben dieser Gruppe gibt es zudem die Sephardim, die er jedoch nicht für allzu religiös hält. „Das Problem mit den Juden ist, dass sie gleichermaßen eine Religionsgemeinschaft als auch eine ethnische Gruppe sind. Selbst die Sprache hat eine besondere Geschichte. Fast 2000 Jahre lang wurde sie nicht benutzt außer zu religiösen Zwecken. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte sie ihre Wiedergeburt.“ Viele deutsche Einflüsse prägen seine Heimatsprache bis heute. Das früher weit verbreitete Jiddisch ist seiner Sicht zufolge mitteldeutschen Ursprungs. Zudem hat sein Land gleich zwei Amtssprachen, hebräisch und arabisch.

Dass so viele verschiedene kulturelle Einflüsse in seinem Land wie in einem Schmelztiegel vermischt sind, nimmt er gelassen. „Geschichte ist nicht nur eine einzelne Wahrheit,“ Noam muss erneut lachen und ergänzt: „Es gibt viele verschiedene Meinungen, die in einem Prozess zusammengeführt werden müssen. Die Trennung all der Menschen unterschiedlicher Herkunft ist jedoch bei weitem nicht so stark ausgeprägt wie in früheren Zeiten.“ Dies gilt auch für das Verhältnis Israels zu dessen Nachbarn. Zwar gibt es nach wie vor Spannungen, aber vieles erscheint ihm aufgebauscht: „Ich glaube, manche Leute machen die Probleme mit dem Iran größer, als sie sind.“ Er hält die Medien für nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Andererseit sieht auch ganz konkrete Fortschritte. So findet er die Facebook- Kampagne von Ronny Edri ganz ausgezeichnet, die unter dem Leitspruch firmierte: „Iranians, we will never bomb your Country – We love you.“ Seine Hoffnung für die Zukunft lässt sich in einen Satz fassen. „Wir haben mit der heutigen Technik, vor allem jedoch durch das Internet, die Möglichkeit, zu echtem Frieden zu gelangen. Über Jahrhunderte gab es nur Regierungen und einige wenige Menschen, welche die ganze Bevölkerung der Welt kontrollierten. Heute hingegen haben wir die Möglichkeit, direkt miteinander zu kommunizieren.“ Und vorsichtig setzt er hinzu: „Es kann besser werden.“

* Name geändert

Über denkbonus

Politischer und religiöser Freidenker | Grobstofflich | Wer sein Bewußtsein erweitern will, muss zuerst welches besitzen
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Eine Antwort zu Es kann besser werden

  1. Freya schreibt:

    Wriklich mal was schönes. Ich lieber diese Kids

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