Anarchie ist machbar – Herr Nachbar

Unser Planet ist chronisch krank. Litten er und seine Bewohner bis ins 19. Jahrhundert noch an den Folgen feudaler und kolonialer Herrschaft, so trat mit dem Beginn der Industrialisierung eine neue, gefährlichere Bedrohung auf den Plan. Der Kapitalismus. Ein System, das als oberste Prämisse nur eines anerkennt, exponentielles Wachstum.

Seither produzieren alle wie die Teufel um einem immer brutaleren Konkurrenzdruck Stand halten zu können und verwandeln dabei unsere Erde in eine radioaktive und giftige Schutthalde. Der Kapitalismus vernichtet nicht nur alles Lebens- und Liebenswerte, vielmehr verschlingt er in seiner unersättlichen Gier – sich selbst. Jemand der Auswege aus diesem Teufelkreislauf erforschte, war Horst Stowasser, dessen Tod sich dieser Tage jährt. Dem Gedenken an diesen unorthodoxen literarischen Pionier ist dieser Text gewidmet.

Horst Stowasser hat Anarchie stets als das begriffen und beschrieben, was sie ist. Der Begriff stammt aus dem griechischen. Dort bedeutet das Wort an archia [αν αρχια] wörtlich übersetzt „keine Herrschaft.“ Dies bedeutet keineswegs, dass Anarchie das Tor ist zu einer Welt voller Chaos und Gewalt. Eine solche haben wir bereits. Unser derzeitiges Herrschaftssystem, bestehend aus Geld und Lobbyismus, Militär und Geheimdiensten, Polizei und Justiz, regiert von korrumpierten Parlamentariern, abzulehnen, bedeutet nicht, Gewalt und Gesetzlosigkeit zu befürworten. Der Mensch an sich ist gut und vernunftbegabt, diesen Vertrauensvorschuss war Stowasser seinen Mitmenschen einzuräumen bereit. Auf dieser Annahme basiert zudem ein großer Teil seiner Theorie, für die er den Praxisbeweis mit seinem Projekt „Werk Selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“ (WESPE) erfolgreich angetreten hatte. Darin hatte er bewiesen, dass ein Betrieb ohne jegliche Hierarchie, ohne Chef und Vorarbeiter, dennoch ausgezeichnete, konkurrenzfähige Leistungen und Ergebnisse zustande bringen kann. Und alle haben Spaß dabei.

Mir tut jeder leid, der nicht mit zwanzig Anarchist war.
– Clemenceau –

In einem seiner Werke mit dem Titel „Freiheit Pur“ stellt Stowasser die These auf, dass sicherlich mehr Menschen Anarchisten sind, als jene, die sich so nennen. Sie wissen es nur nicht. Aber sie vereinen auf sich die klassischen Merkmale eines jeden Anarchisten. Sie lassen sich ungern etwas von Menschen vorschreiben, die sie für inkompetent halte, sie fragen kritisch nach und machen sich ihre eigenen Gedanken die durchaus zu einem anderen Ergebnis kommen können, als die der Vorgesetzten. Autorität durch Kompetenz anzuerkennen sind Anarchisten gerne bereit, nicht jedoch Autorität durch Unterwerfung. Dennoch, da ist Stowasser sich sicher, müssen auch in einer anarchisch strukturierten Gesellschaft gewisse Regeln gelten, die eingehalten werden müssen. Diese Regeln müssen jedoch den Gesetzen der Vernunft zugunsten aller Beteiligten entspringen und dürfen nicht der Festigung von Herrschaft, Unterdrückung und Gewinnzuwachs einiger weniger dienen.

Eines der Hauptargumente aller Anarchiegegner ist der vermutete Anstieg der Kriminalität, sollte die Idee der Anarchie sich jemals durchsetzen. Was konservativen Denkern beim Gedanken daran den Angstschweiß auf die Stirne treibt, ist geprägt von der Vorstellung marodierender Horden, die plündernd und brandschatzend durch die Lande ziehen und eine breite Spur aus Chaos und Verwüstung hinter sich herziehen. Dabei verweisen sie triumphierend auf Geschehnisse wie die unlängst ausgebrochenen sozialen Unruhen in England. Anarchisten widerum gehen von der Annahme aus, das die häufigste Ursache von Verbrechen soziale Ungleichheit- und Ungerechtigkeit ist. Die Zahl psychisch abnormer Täter ist, einmal abgesehen von der NATO, eher gering. Natürlich wird es auch in einer Anarchie Kriminalität geben. Dem anarchistischen Gedanken folgend, sollte den Tätern jedoch eher Hilfe statt Strafe zuteil werden. Zudem sollte, anstatt ständig nur Fehlverhalten zu sanktionieren, rechtschaffenes Verhalten belohnt und nicht nur als Soll- Vorgabe vorausgesetzt werden. Unter solchen Bedingungen, so die Schlussfolgerung Stowassers, würde Kriminalität faktisch aussterben und mit ihr auch Kriege, Völkermord, Sklaverei und Kolonialisierung. In einer freien Gesellschaft mit freien Menschen, die frei denken, fühlen und handeln, sind Soldaten nicht länger vonnöten.

in memoriam Horst Stowasser – 07.01.1951 bis 30.08.2009

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.

  • Kurt Tucholsky

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Über denkbonus

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9 Antworten zu Anarchie ist machbar – Herr Nachbar

  1. Kopfgeburt schreibt:

    Anarchie ist jedoch nichts, was man einfach einführt. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Reifeprozesses der Menschheit, infolge dessen ein jeder freiwillig Rücksicht nimmt ohne sich jedoch unterwerfen zu lassen.

  2. Alibengali schreibt:

    Nicht zum Thema:
    Zum Feed:

    Alles Schall und Rauch ist eine rechtsradikale Seite…….

  3. Platon schreibt:

    „Nicht alle Reichen und Mächtigen verwandeln sich zwangsläufig in dumme, verlogene Psychopathen.“

    Genau, das sehe ich auch so. Und noch besser, so mancher aus dieser Kaste, der in besseren, scheinbar noch intakten Zeiten des Systems von der Macht noch Geblendeten, merken vermutlich erst jetzt in den Krisenzeiten, dass er geblendet war. So dass so mancher jetzt hoffentlich erkennt, dass er genauso wie alle anderen eben auch in demselben globalen Boot sitzt, welches nun droht, mit Mann und Maus unterzugehen.

  4. denkbonus schreibt:

    Die globalen Machtgefälle sind zu groß geworden

    Anarchie ist aus eben diesen Gründen dezentral ausgerichtet. Kleine Gemeinschaften bis zu 10 000 Menschen die sich selbst basisdemokratisch verwalten, jedoch kooperativ untereinander interagieren. Staatenwesen lehnt der anarchistische Gedanke ab, da hier zu große Machtaglomerate entstehen. Wenn man Gerald Celentes Prognose glauben darf, dann wird genau dies entstehen, sobald der kommende Megapeng vorrüber ist. Da sämtliche Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen zusammenbrechen würden, falls es zum Kollaps der Weltwährung, Atomkrieg und flächendeckender Verwüstung kommen sollte, begänne die Menschheit sich neu zu organisieren, diesesmal in kleinerem Maßstab. Aber Endzeitverkünder gibt es auch ohne mich schon zuviel, immer schon, daher wage ich die These, dass auch eine Chance besteht. Nicht alle Reichen und Mächtigen verwandeln sich zwangsläufig in dumme, verlogene Psychopathen. Zudem sagt uns die Geschichte, dass bisher jeder Griff nach der Weltherrschaft verheerende Folgen für all jene hatte, die diesen Griff wagten.

  5. Platon schreibt:

    Ein sehr interessanter Artikel, sehr interessante Gedanken, vielen Dank. Und auch vielen Dank für den Hinweis auf Horst Stohwasser, den ich bisher noch nicht kannte. Ich denke, es ist kein Wunder, dass der Begriff Anarchie auf die alten Griechen zurückgeht und das der Begriff heute so negativ besetzt ist. Wir haben seit der Zeit der antiken Griechen eine permanente Gehirnwäsche erfahren, dass wir das Konstrukt Staat, dass wir die Ordnung dieses Konstruktes brauchen. Die antiken Griechen sind noch gar nicht auf die Idee gekommen, einen gemeinsamen griechischen Staat zu bilden, warum auch? Trotz aller Gemeinsamkeiten in der Kultur wußten sie wohl noch, dass eine funktionierende Ordnung eben auch Überschaubarkeit bedeutet und keineswegs mehr Ordnung durch mehr Bevölkerung eintritt. Joachim Fernau hatte diesen heutzutage ketzerischen Gedanken auch schon, das Konstrukt Staat in Frage zu stellen, in seinen Werken über die antiken Griechen und der Geschichtsaufarbeitung des Molochs und Superstaates USA. Keine Herrschaft, das würde bedeuten, dass eine weitgehende Autonomie beim Individuum verbleibt, so dass ein ungezügelter Machtzuwachs und Machtmißbrauch einiger weniger über die Masse eben auch weitgehend ausgeschlossen bleiben.

    Die Gehirnwäsche in Richtung Unterordnung unter machtvollen Institutionen begann vermutlich erst richtig mit den Römern und mit dem Christentum, in dessen Folge das Individuum zunehmend kleiner gemacht wurde, so dass es sich regelrecht nach dem Schutz großer Institutionen gesehnt hat. Heute an Anarchie zu denken im Sinne des Artikels, das würde ja bedeuten, die letzten 2000 Jahre wirklich zu hinterfragen. Meines Erachtens ist genau das notwendig, um an die Wurzeln des Menschseins wieder anzuschließen, was im Grunde ja total pervertiert wurde. Im Tierreich ist es bei Sippentieren ganz selbstverständlich, ein eigenes überschaubares Revier zu haben und das Revier anderer Sippen auch zu achten. Anders war es früher auch nicht beim Menschen. Heute ist dies allerdings schon durch die Machtkonzentration der stets abgehobenen Staatenlenker über ihre Individuen unmöglich geworden. Verantwortung nicht nur abzugeben, sondern das sogar für unbedingt nötig zu halten, das ist allgemeiner Konsens geworden.

    Es reicht aber schon, den Blick auf die Geschichte zu richten, um zu sehen, dass das gar nicht so selbstverständlich ist und war. Auch die Germanen hatten ja noch nicht im Sinn gehabt, deutsch zu denken oder germanisch, sie haben die Zugehörigkeit auf der individuellen Ebene noch eher ganz naürlich in befreundete Sippen geregelt, ohne án die heute selbstverständlichen Institutionen wie den Staat überhaupt zu denken. Die Römer haben damit sehr gründlich aufgeräumt, und seitdem ist meines Erachtens die Dekadenz und die Entfremdung des Individuums von sich selbst auch immer größer geworden. Anders ist der umfassende Machtmißbrauch, und die Tatsache, dass so viele Menschen sich dafür mißbrauchen lassen, für mich auch gar nicht zu erklären. Wir sollten es wieder wagen, ketzerisch zu denken und das scheinbar Unmögliche in Betracht zu ziehen. Mit den alten destruktiven Konzepten kommen wir nun nicht mehr weiter. Die Zeit zum radikalen Umdenken ist gekommen, es wird höchste Zeit dafür. Brauchen wir wirklich so etwas Herrschaft? Hat gerade diese Denkweise nicht schon genug Schaden angerichtet und tut es noch? Provokative Fragen, zugegeben. Aber wir müssen sie wohl stellen, wenn wir nach brauchbaren Antworten für die Zukunft suchen.

  6. Genetti Raimund schreibt:

    Anarchie ist sicher keine lösung, aber zur Zeit herrscht Chaos, da alle alles probieren das schlamassel zu vertuschen. Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Ohne Geld kann man nichts verändern. Also sollte man das Projekt euro abblasen und jeder staat mit seiner
    früheren währung wieder starten. Der Euro zerstört Europa der Vielfalt. Jetzt kommt Europa
    der Konzerne und Einfalt.
    Oder kommt ein 4. Reich?

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