Barbarisches Katastrophenmanagement

Alle Welt schaut auf Fukushima und den verzweifelten Kampf der Hilfskräfte, die in Schutzanzügen arbeiten müssen, die weder gegen Beta- noch gegen Gammastrahlung, geschweige denn gegen Neutronenstrahlung gefeit sind. Diese Menschen, soviel scheint festzustehen, sind dem sicheren Tod geweiht. Zwischen den Schlagzeilen der Tagespresse versteckt oder gleich von vorn herein durch die Leitmedien unterdrückt, entgehen der breiten Öffentlichkeit vor allem Nachrichten über die Folgewirkungen solcher Kataklysmen.

JoJo – Betrachtet man diese näher, so erschließt sich das Bild eines durch und durch katastrophalen Krisenmanagement, das unsere, auf Raubtierkapitalismus ausgerichtete Wirtschaftsordnung, so abbildet, wie sie wirklich ist. Zutiefst egoistisch. Immer schon in der Geschichte der Technik waren unfassbare Tragödien der Preis des Fortschritts. Die Liste ist lang. Explodierende Dampfmaschinen, die Mitte des 18. Jahrhunderts in Manchester zahlreichen Arbeitern den Tod brachten. Fabrikbrände, die im New York des Jahres 1900 zahlreiche Familien zerstörten. Das entsetzliche Unglück im indischen Bhopal, bei dem 25 000 Menschen den Tod fanden oder das Milanesische Seveso, bei dem 500 Menschen ums Leben kamen und nicht zu vergessen Tschernobyl, das weltweit zu hunderttausenden von Krebstoten geführt hatte. Stets ist es der kleine Mann, der die Zeche zahlt, niemals hingegen die verantwortlichen Unternehmer, die sämtliche Gewinne privatisieren, die furchtbaren Folgen ihrer Gier hingegen sozialisieren. Die Opfer werden regelmäßig von den Verursachern sich selbst überlassen, letztere widerum von ihren Regierungen gedeckt, obwohl sie schon immer auf ausreichende Betriebsicherheit gepfiffen hatten.

Im Stich gelassen

Derzeit fordern linke Gruppierungen und Politiker in Deutschland, neben dem Atomausstieg ein Verbot der Kernenergie im Grundgesetz. Sie fordern zudem die Zerschlagung und Verstaatlichung der Energiemultis als auch deren Haftbarmachung für die Folgekosten. Für Atomlobbyisten der Schenkelklopfer schlechthin, haben sie doch längst sämtliche Regierungskreise bis auf die Linke vollständig durchdrungen. Dementsprechend fällt das Ergebnis der schwarzgelben Regierung aus. Als Entschädigung für die, durch das Moratorium entstandenen Umsatzeinbußen, stellt sie den Atomkonzernen einen Persilschein aus für fast unbegrenzte Preissteigerungen. Auch innovative Investitionen sollen so laut offiziellem Jargon finanziert werden. Auf diesen Preisanstiegen werden Niedriglöhner und Arbeitslose sitzen bleiben. Heizen wird für die unteren Schichten dieses Landes zum Luxus werden.

Knallende Sektkorken hingegen bei Investoren und Spekulanten

In einem bemerkenswerten Vortrag an der Lüneburger Leuphana- Universität verdeutlichte der Chefvolkswirt der Deka- Bank Ulrich Kater seine Sicht der Krisenabwicklung. Preissteigerungen auf 130 Dollar pro Barrel Öl könne die Wirtschaft, so der Manager, „gut vertragen.“ Der Liquiditätsbedarf von Versicherern, Investoren und Spekulanten, aber auch Kredite für Tepco, die Betreiberfirma des havarierten Reaktors sowie ein Konjunkturprogramm von etwa 300 Milliarden Dollar, hatten den Yen nach der Katastrophe auf Rekordniveau schnellen lassen. Vielerorts klingelten die Kassen. Kriege und Katastrophen waren schon immer ein Jungbrunnen für unser kapitalistisches Wirtschaftssystem, seit es dieses gibt. Die Opfer der Fukushima- Katastrophe werden weiterhin in verstrahltem Gebiet gehalten, wo sie auch weiterhin ihre Felder bestellen sollen. Laut Katers Einschätzung würden wohl nur 15 Prozent der Fläche Japans außer Betrieb gesetzt werden müssen.

Bizarrer Verbraucherschutz

Derweil wurden unsere Grenzwerte für Lebensmittel europaweit auf das Doppelte bis Dreifache angehoben. Europäische und amerikanische Fischerei- und Nahrungsmittelkonzerne hatten sich wieder einmal bei der EU durchgesetzt. Schinken vom Kobe Rind darf in Japan einen Grenzwert von 500 Bq/Kg nicht überschreiten. Bei uns hingegen dürfen es neuerdings 1250 Bq/Kg sein. Dank unserer Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und ihrer europäischen Kollegen werden künftig also verseuchte Waren aus Japan, die dort nicht mehr in den Handel gelangen dürfen, stattdessen auf unserem Tisch landen. Auch heimische, nach Tschernobyl bislang als hochbelastet angesehene Pilze wie beispielsweise Röhrenpilze, werden nun wohl wieder ihren Weg zu Verbraucher finden. Man ahnt die wirkliche Aufgabe von Verbraucherschutzministerien.

Der Mensch als Nutztier

In den Augen eines Chefvolkswirts wie Kater erkennt man daran die Flexibilität und Dynamik, die eine neolioberale Globalisierung zum Wohle als auch zum Wohlstand der Menschheit zu bieten hat. Menschen sind Humankapital, dem sich Arbeitskraft entlocken lässt. Bei minimaler Versorgung werden die Menschen vor den Karren ausbeuterischer Eliten gespannt und ihre bereits niedrigen Arbeitslöhne werden ein Leben lang durch überhöhte Steuern abgemolken bis hin zu einem sozialverträglichen Ableben. Für Ulrich Kater ist dies ein ganz normaler Vorgang. Rosa Luxemburg hingegen kannte dafür nur ein Wort: Barbarei! Bevor eine basisdemokratische Zukunftsgesellschaft ohne Ausbeutung von Mensch und Natur durch Menschen entstehen kann, muss zuerst einmal das alte System fallen. Ein System, welches UN- Generalsekretär Ban Ki Moon bereits 2010 als Selbstmordprogramm für die Menschheit bezeichnet hatte.

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Eine Antwort zu Barbarisches Katastrophenmanagement

  1. Platon schreibt:

    Auf die Geschichte bezogen ist dieses alte System ja noch gar nicht so alt. Es wird sich überleben, weil es nicht zukunftsfähig ist. Die Frage ist vielleicht eher die, wie lange es den eigenen Untergang wohl noch aufhalten kann. Der Todeskampf wird aber wohl erst einmal noch alle möglichen Extreme ausloten. Die Rücksichtlosigkeit scheint zu wachsen, das tut sie sicherlich auch. Aber haben die Bewahrer eine andere Wahl, als immer unrealistischer und unmenschlicher zu reagieren auf die Krisen? Ich denke nein, alles andere wären bereits ja bereits Eingeständnisse des Scheiterns. Es darf halt nicht sein, was nicht sein darf.

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