Anfänger zu Guttenberg

Viele freuen sich diebisch. Endlich hat unser Verteidigungsminister Grund, sein Amt auszuüben. Alles prügelt auf ihn ein und anstatt Deutschland am Hindukusch ist es nun er selbst, der sich verteidigen muss.

Update:
Der Beitrag Jens Bergers war es, der mich, leider erst im Anschluss an den meinigen, auf die richtige Spur gebracht hatte. Unser Verteidigungsminister hatte offenbar weder das Know How, noch die Zeit, noch das nötige Engagement, um seine Arbeit mit summa cum laude abzuschließen. Während ich mich im nachfolgenden Text noch darüber verwundere, wie einem eiskalten Politprofi wie dem Adelsspross beim Schreiben seiner Doktorarbeit ein derartiger Kardinalfehler unterlaufen konnte, eröffnet sich einem nun ein ganz anderes Bild. Der Minister hatte nicht betrogen, indem er bewusst eine größere Zahl Plagiate in seine Arbeit integrierte, sondern indem er offenbar die gesamte Schreibarbeit einem Ghostwriter überlassen hatte. Dieser war offenbar selbst zu faul zum Schreiben und kopierte sich die fraglichen Textpassagen aus dem Internet herunter. Das zu Guttenberg nun dumm dasteht, liegt daran, dass er wohl schlecht darauf pochen kann, er sei beim Betrügen ebenfalls einem Betrüger aufgesessen.

Dabei mag es seltsam anmuten, dass gerade die großen Medien es sind, die auf dieser Welle ganz vorne mitschwimmen und den Mann dabei mit Plagiatsvorwürfen überhäufen. Wie üblich, haben unserer Qualitätsjournalisten ihre Hausaufgaben nicht gemacht, sondern selbst abgeschrieben, bei anderen Zeitungen.

Aber ganz von vorne. Die Unterstellung, ein solch exponierter Politiker wie zu Guttenberg würde seine Doktorarbeit fälschen, ist blödsinnig. Man kann dem Mann unterstellen, was man will, aber bestimmt nicht, dass er so dämlich wäre, seinen vielen Gegner bewusst eine derartige Angriffsfläche zu bieten. Als würde sich ein argentinisches Hüftsteak inmitten einer Horde von Geiern zum Schlafen niederlegen. Die eigentlich interessante Frage lautet vielmehr: Warum schreibt ein aktives Mitglied des Bundestages mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Jurastudium erst sein zweites Staatsexamen? Schließlich steht Mann bereits mitten im Berufsleben und dürfte eigentlich keine Zeit haben, um nebenher eine mehr als vierhundert Seiten lange Doktorarbeit zu erarbeiten. Andererseits hatte er kaum eine Wahl, da er ohne zweites Staatsexamen kein Volljourist ist. Daher wagte er sich an das Vorhaben zu einer Zeit heran, als er bereits nicht mehr im Training seiner Alma Mater war.

An dieser Stelle kommt eine andere Person ins Spiel, sein Doktorvater Prof. Peter Häberle von der Universität Bayreuth. Dieser war es, der eigentlich hätte entdecken müssen, dass fremde Textpassagen ohne Quellenangaben verwendet worden waren. Dass im Verlauf einer solchen Arbeit Fremdtexte zitiert werden, ist normal. Schließlich baut jede Abschlussarbeit auf dem auf, was andere zuvor erarbeitet haben. Müsste jeder Doktorand ganz bei null beginnen, bewegten wir heute noch auf dem Niveau von 1950. Auch ist es nicht unüblich, sich im Verlaufe einer solchen Arbeit von anderen Personen zuarbeiten zu lassen. Allerdings ist es an allen Universitäten fester Bestandteil der Prüfungsordnung, dass der Doktorand bei Abgabe seines Werkes durch seine Unterschrift bestätigen muss, dass er die gesamte Arbeit selbst geschrieben und verfasst hat und dass er sämtliche Zitate anderer als solche gekennzeichnet hat. Diese Unterschrift musste mit Sicherheit auch zu Guttenberg leisten.

Dass die Fremdpassagen in seiner Arbeit nicht als solche gekennzeichnet worden waren, ist zweifellos ein ebenso grober wie auch dummer Fehler, der den Freiherrn durchaus seinen Titel kosten kann. Es ist zugleich ein ausgesprochener Anfängerfehler, der bereits vielen Studenten unterlaufen ist, ohne dass man diesen sogleich eine böse Absicht unterstellen könnte. Um einen derartigen Fauxpas zu vermeiden, gibt es schließlich die Person des Doktorvaters. Und allein dieser ist es auch, der faktisch darüber entscheidet, ob Inhalt, Länge, Qualität und Abgabetermin seinen Erwartungen entsprechen. Sollte dem Verteidigungsminister sein Doktortitel tatsächlich aberkannt werden, wäre dies einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Helmut Kohls Doktorarbeit war immerhin so schlecht, dass Roger Willemsen, der das Machwerk in den achtziger Jahren untersucht hatte, dafür nur einen Begriff fand: Arbeitsverweigerung. Kurz darauf verschwand sie im Giftschrank, seinen Titel führen darf der Pfälzer indess bis heute.

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