Lebensnerv der Westmächte bedroht


Warum der Westen vor den Menschen Nordafrikas zittert

Sie gehen auf die Straße und kämpfen für ihre Bürgerrechte. Menschen, die genug haben von der Jahrzehnte währenden Knechtschaft durch Despoten, die von westlichen Mächten als kooperationswillige Herrscher in nordafrikanischen Ländern installiert worden waren. Die Ausbeutung afrikanischer Rohstoffe durch den Westen ist ein Exzess an Brutalität und Grausamkeit gegenüber den dort lebenden Menschen. Jetzt scheint es, als sei das Maß voll.

Zuerst revoltierten die Menschenmassen Tunesiens und jagten die Westmarionette Ben Ali aus dem Land. Auch in Algerien rumort es, dort haben die Oppositionsparteien zu einer Großdemonstration in der Hauptstadt Algier aufgerufen. Ägypten wird ebenfalls unruhig und sogar im Jemen haben die Menschen von dem erfolgreichen Aufstand ihrer nordafrikanischen Nachbarn gehört. Auch dort gab es am Donnerstag erneut Demonstrationen gegen die Regierung. Präsident Saleh war sogar erstmalig dazu bereit, Reformen anzubieten. Die Regierung in Mauretanien hat aus Angst vor kommenden Unruhen bereits angekündigt, die Lebensmittelpreise um dreißig Prozent zu senken.

Dass die Westmächte angesichts dieser Entwicklung die nackte Panik befällt, liegt nicht nur an den schwindenden Chancen, die nordafrikanischen Rohstofflager weiterhin ausbeuten zu können. Auch wenn die Trennung des Sudans es den USA in letzter Minute ermöglicht hatte, den Chinesen das sudanesische Erdöl noch einmal vor der Nase wegzuschnappen, so kann es dennoch sein, dass mit dem Wegbrechen der nordafrikanischen Wirtschaftsallianz zugleich das Ende des Westens eingeläutet wird.

Uncle Sams Achillesferse

Einer der neuralgischsten Punkte des Westens liegt in Nordafrika. Es ist der Suezkanal. Sämtliche wichtigen Handelswege von West nach Ost und umgekehrt führen durch ihn hindurch. Alles, was an Warengütern aus Südostasien und Fernost zu uns gelangt, muss zuvor dieses Nadelöhr durchqueren. Unser Computer, der Flachbildschirm, unser Handy und alles, was unser tägliches Leben angenehm macht, hat irgendwann einmal diesen Kanal passiert. Dieser verläuft genau zwischen Ägypten und Israel, lässt sich jedoch schon hunderte Kilometer vorher blockieren. Dort, wo der Jemen mit dem Sinaigebirge als arabische Platte an Somalia, Eritrea und Djbouti auf dem nordafrikanischen Kontinent grenzt, mündet der Golf von Aden in die einzige Wasserstraße, die das Mittelmeer mit dem Roten Meer und dem indischen Ozean verbindet. Die beiden Ufer der Anrainerstaaten liegen ziemlich genau 400 Meilen weit auseinander. Daher können beide Staaten ihre Zweihundertmeilenzone bis zur Mitte der Wasserstraße nach internationalem Recht legitim für sich beanspruchen. Nicht eine Meile Platz bleibt übrig für Schiffe, die gerne ohne Genehmigung außerhalb der Zweihundertmeilenzone in der Mitte der Rinne zwischen den angrenzenden Ländern hindurch fahren würden.

Damoklesschwert über den Köpfen des Westens

Kurz gesagt heißt das für uns, wenn der Jemen und Somalia beschlössen, diesen Haupthandelsweg dicht zu machen, dann wäre unsere nächste Festplatte aus Holz. In Rotterdam und New York gingen gleichermaßen die Lichter aus. Als Ex-Präsident Horst Köhler seinerzeit von der Notwendigkeit militärischer Sicherung von Handelswegen sprach, ging es um genau diese Art von neuralgischen Punkten auf unserer geopolitischen Weltkarte. Daher ist nicht zu erwarten, dass der Westen entspannt zusieht, während sich eine seiner größten Futterluken schließt. Andererseits werden allmählich die Mittel knapp, um weitere Eroberungskriege zu führen und das besetzte Land auch noch zu halten. Wer seine Armeen bei diesem Strategiespiel zu weit verteilt, hat bereits verloren, da er ihnen dadurch die Stoßkraft raubt und sich finanziell verausgabt.

Bibbern im Kibuz

Auch Israel ist von dieser Entwicklung betroffen. Dessen banger Blick richtet sich derzeit vor allem auf Ägypten. Sollte in Nordafrika tatsächlich ein politischer Flächenbrand ausbrechen, so stände Israel Schlag auf Fall mit dem Rücken zur Wand. So wie diese Regierung seine arabischen Nachbarn in den letzten Jahrzehnten behandelt hat, wird sich nicht ein einziger arabischer Staat dazu bereit finden, dem Unrechtsstaat die Hand zu reichen, wenn dieser erst einmal ins Wanken geraten sollte. Sollte gar Saudi Arabien sich dieser Strömung anschließen, wäre Israel von jeglicher Versorgung durch befreundete Nationen abgeschnitten und ginge vermutlich zugrunde.

Begrenzte Schadensbegrenzung

Verständlich, dass ausgerechnet jene Staaten, die all diese Verbrecherregime in Nordafrika inthronisiert haben, nun bemüht sind, das Schlimmste zu verhindern. Hatte bereits beim Bau des Suezkanals England den französischen Erbauer Ferdinand de Lesseps mit allen Mitteln behindert, so herrscht heute, was die Bedeutung dieses Kanals für den Westen betriff, Einigkeit unter den Westmächten. Daher flattern derzeit Schreiben aus ganz Europa und den USA auf die Schreibtische der betroffenen Staaten, in denen die Verursacher des Elends ihre Hilfe bei der Errichtung neuer Demokratien anbieten. Amerika bietet sich als Helfer an für Neuwahlen und auch die Bundesregierung hat bereits Unterstützung signalisiert. Was darunter tatsächlich zu verstehen ist, kann wohl ein jeder sich denken. Allerdings sind die Menschen in Tunesien und den anderen afrikanischen Staaten nicht so blöde, wie unsere Regierungen das gerne hätten. Sie bleiben oben und durchtrennen systematisch eine Fessel nach der anderen. Das haben sie den Stuttgartern eindeutig voraus, sie wollen sich nicht erneut von der Obrigkeit einlullen und instrumentalisieren lassen. Schlichtungsgespräche sind daher unwahrscheinlich. Aber Heiner Geißler kann ohnehin nicht überall sein.

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3 Antworten zu Lebensnerv der Westmächte bedroht

  1. pacificus schreibt:

    Man erinnert sich an 1989/1990 + den Staaten vom Warschauer Pakt. Alle Staaten dieser Vereinigung purzelten wie ein Dominospiel um. Auf solch dünnem Eis befinden sich die Gehorsambestimmer der Welt. Wenige gegen eine Vielzahl von Unterdrückten nach Demokratie strebenden.
    Es macht Mut für eine friedliche Veränderung.

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