So tot wie möglich

aber so lebendig wie nötig. Dieses Problem beschäftigt gleichermaßen Chirurgen wie auch Organspender in aller Welt. Denn auch ein hirntoter Patient lebt. Er atmet, sein Körper fühlt sich warm an und auch sein Herz schlägt weiter, während ihm seine Organe bereits entnommen werden. Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass es nach wie vor an Organspendern mangelt, auch in Deutschland.

Mit 14,9 Spendern pro einer Million Einwohner liegt Deutschland weit unter dem EU-Durchschnitt (18,3 Spender). An der Spitze stehen Spanien (34,4) und Portugal (31). Angesichts des massiven Mangels an Organspendern zeichnet sich nun eine ethisch heikle Grundsatzentscheidung über eine Reform in diesem Bereich ab.

Insgesamt 12 000 Menschen warten hierzulande alljährlich auf eine Transplantation, mehr als 6000 davon vergeblich. Dies soll sich nun nach dem Willen der Europäische Kommission ändern. War bisher die Zustimmung des Patienten für dessen Organentnahme notwendig, so sollen künftig, wie in den meisten anderen europäischen Staaten auch, generell alle Menschen zu potentiellen Organspendern erklärt werden. Einzige Ausnahme: Im Falle des persönlichen Widerspruchs zu Lebzeiten wird dieser anerkannt. Das Ersetzen der bisherigen Zustimmungsregelung durch die Widerspruchsregelung soll die künftige Versorgung aller Patienten mit frischen Spenderorganen sichern. Inwieweit die Deutschen sich mit dieser Neuregelung einverstanden erklären, bleibt abzuwarten. Lediglich 17 Prozent aller Deutschen verfügen über einen Spenderausweis. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 83 Prozent aller Bundesbürger dem Braten nicht trauen. Zugleich tauchen Berichte in den Medien auf, die durchaus seltsam anmuten mögen.

Kleiner Ausflug ins Kuriose

Immer wieder tauchen Berichte von Organempfängern auf, die nach erfolgter Transplantation eine Wesensveränderung durchlaufen. Nicht selten entsteht dabei der Eindruck, als wolle sich die Persönlichkeit des toten Organspenders erneut im Körper des Empfängers manifestieren. Die Wissenschaft befindet sich im Erklärungsnotstand, vor allem auch, was die möglichst genaue Definition der Schnittstelle zwischen Leben und Tod betrifft, ohne die Organentnahmen ethisch nicht länger vertretbar wären.

Es ist über vierzig Jahre her, da glückte dem südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard etwas ungeheuerliches. Damals, am dritten Dezember 1967, gelang es ihm am Groote Schuur Hospital in Kapstadt erstmals, ein lebendes menschliches Herz zu verpflanzen. Sein Patient Louis Washkansky überlebte 18 Tage lang mit dem fremden Organ, bevor er an einer Lungenentzündung verstarb.

Inzwischen gehören Lebendverpflanzungen zum Alltag. Allein in Deutschland werden jährlich zwischen drei- und viertausend Organe transplantiert. Gleichzeitig zu diesen Zahlen häufen sich jedoch Berichte über ein durch und durch seltsames Phänomen. So haben immer wieder Patienten im Anschluss an eine solche Operation das Gefühl, eine Persönlichkeitsveränderung zu durchlaufen. Und mehr noch. Sie glauben sogar, Wesensanteile des toten Organspenders zu übernehmen, als würde diese Persönlichkeitsfacetten des Spenders versuchen, in dem neuen Körper Raum zu greifen. Viele dieser Berichte kommen aus den Vereinigten Staaten. Dort ist es gängige Praxis, Organempfängern den Namen des Spenders zu verraten. Hierzulande undenkbar und das aus verständlichem Grund. Nicht selten nämlich wird geforscht und recherchiert, um mehr über das Leben und die Person des Spenders herauszubekommen. Die Ergebnisse mögen oft seltsam anmuten.

So ist die Rede von Debbie, einer Amerikanerin, die nach einer Herztransplantation auf der Intensivstation erwacht, und Lust auf ein Bier verspürt obwohl sie Alkohol immer strikt abgelehnt hat. Ihre plötzlich erwachte Liebe für Fastfood lässt sich genauso wenig erklären wie ihr plötzliches Interesse an Rap- Musik. Als sie sich auf die Suche nach der Familie des Spenders macht, stellt sich heraus, dass dieser genau jene Vorlieben gepflegt hatte, die sie nun an sich selbst feststellt. Oder die Hausfrau, die, im Besitz einer neuen Niere, auf einmal ihr Interesse für Boxkämpfe entdeckt. Der Spender war ein begeisterter Sportler. Und dann ist da noch der Junge, der nach einer Herztransplantation auf einmal eine unerklärliche Angst vor Wasser hat, obwohl er ein guter Schwimmer ist. Wie sich herausstellt, ist der gleichaltrige Spender in einem Badesee ertrunken.

Der Fallbeispiele sind viele. Grund genug für die Wissenschaft, sich mit diesem Phänomen auseinander zu setzen. So auch der amerikanische Kardiologe Dr. Paul Pearsall. Dieser untersuchte die Fälle von mehr als 100 Herzempfänger, die glaubten, eine Verbindung zum Spender zu spüren und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis. Bei über 10% Prozent der Empfänger waren im Anschluss an die Operation verblüffende Parallelen zum Spender aufgetreten. Sie hatten offenbar Vorlieben und Gewohnheiten des Spenders übernommen.

Eine mögliche Antwort darauf bietet die Theorie des Zell- Gedächtnis- Syndroms, der zufolge Informationen in jeder Zelle des Körpers abgespeichert werden können. So verfügt zum Beispiel unser Immunsystem über Gedächtnisszellen, die Informationen zu allen Krankheitserregern abspeichern, mit denen sie in Kontakt kommen. So kann das Immunsystem bei einem erneuten Kontakt schneller und effizienter auf die Bedrohung reagieren. Auch in der Neurologie ist dieses Prinzip bekannt. So können zum Beispiel in Nervenzellen bestimmte Schmerzerfahrungen fortgeschrieben werden, so dass der Schmerz nach erfolgter Heilung anhält, obwohl die Ursache längst beseitigt ist. Möglicherweise, so die Hypothese, können auch andere Zellen Informationen abspeichern. Wie dies geschehen könnte, vor allem aber, wie diese Informationen vom Spenderorgan auf den Empfänger übergehen sollen, ist hingegen ungeklärt und gehört wohl eher ins Reich der Spekulationen.

Dies führt in der Tat zu einer gewissen Ratlosigkeit unter Schulmediziner. Die Deutungshoheit zu dieser Thematik den Theologen und Religionsphilosophen zu überlassen, käme ihnen indess nicht in den Sinn. Man sucht vielmehr in der Psychologie nach Antworten. Denn eines haben alle Organempfänger gemeinsam. Hinter ihnen liegt eine Zeit großer nervlicher Anspannung. Allein die Patientenwarteliste, das bange Hoffen auf das lebensrettende Organ, stellt eine psychische Tortur dar. Hinzu kommen nicht selten Schamgefühle. Denn ganz insgeheim hofft jeder Wartende, dass der geeignete Spender doch rechtzeitig genug sterben möge, um selbst durch dessen Organe gerettet werden zu können. Als wollten sie sich beim toten Spender für diesen Wunsch entschuldigen, beginnen sie, sich mit der imaginären Vorstellung von seiner Person zu befassen und sich zunehmend mit ihm zu identifizieren. Es können sogenannte Organfantasien entstehen. Einer Studie der Medizinischen Universitätsklinik Hannover zufolge würden sich etwa dreissig Prozent aller Transplantationspatienten äußerst unwohl fühlen, wenn sie erführen, dass man ihnen das Herz eines Selbstmörders oder Kriminellen eingepflanzt hätte. Ein weiterer Punkt, der Spendern wie auch Empfängern Unbehagen bereitet, ist der Umstand, dass es heute unterschiedliche Todesdefinitionen gibt.

Wann ist ein Mensch tot?

Bis 1968 galt der Tod medizinisch betrachtet als die Abfolge irreversibler Funktionsverlusste des Herz- Kreislaufzentrums, des Atmungssystems und des zentralen Nervensystems. Die sicheren Todeszeichen waren Leichenflecke, Leichenstarre und Fäulnis. Durch diese Definition konnten sich Ärzte wie auch Angehörige bisher sicher sein, was den Tod eines Patienten oder geliebten Menschen anging. Inzwischen jedoch hat sich die Lage grundlegend geändert. Heute kann ein Mensch sogar tot sein, obwohl er noch atmet und einen Herzschlag hat.

Mit dem Aufkommen der Transplantationschirurgie stand die Medizin vor einem schier unlösbaren Problem. Einerseits sollte der Spender tot sein, andererseits jedoch seine Organe so funktionsfähig wie möglich entnommen werden. Diesem Umstand wurde im Juni 1997 Rechnung getragen, indem man nach den Richtlinien der Bundesärztekammer den Tod neu definierte. Seit dem gilt als Todeszeitpunkt der Eintritt des Hirntodes. Demnach ist der Tod der Zustand des völligen und nicht mehr umkehrbaren Erliegens der Hirnaktivität.

Dass sich hier Zweifler kritisch zu Wort melden, ist verständlich und auch richtig. Denn die Grenzlinie zwischen Leben und Tod ist nicht mit Sicherheit bekannt, und eine Definition kann Wissen niemals ersetzen, was uns in eine missliche Lage bringt. Denn wo genau die Grenze zwischen Leben und Tod verläuft, wird vermutlich niemals hinreichend zu klären sein. Dennoch benötigen wir eine gültige Todesdefinition, um Organentnahmen überhaupt erst im Sinne geltender Rechtssprechung durchführen zu können. Daher stellte sich die Medizin dieser Problematik, mit zum Teil makaberen Folgen.

So gibt es jetzt per Definion Leichen die:

  • atmen, schwitzen oder frieren, Fieber haben können, mit den Zähnen knirschen, sich im Bett aufrichten, um sich schlagen oder treten und sogar das Pflegepersonal umarmen. Verantwortlich dafür sind unter anderem komplexe Spinalreflexe;
  • deren Haut rosig schimmert und im Sommer vielleicht von der Sonne gebräunt ist, bei denen das Herz schlägt, die ein intaktes Stoffwechselsystem aufweisen und deren Gliedmaßen sich warm anfühlen;
  • deren Glieder beweglich sind und deren Brustkorb sich hebt und senkt;
  • die Ausscheidungen haben und bei denen Tränen fließen können;
    deren Wunden, wenn man ihre Haut verletzte, wieder heilen würden;
  • die von den Schwestern und Pflegern mit ihrem Namen angesprochen werden und sich in nichts von anderen Patienten unterscheiden, die künstlich beatmet werden;
  • männliche „Leichen“, die noch Kinder zeugen könnten sowie;
    weibliche „Leichen“, die noch bis zu 3 – 4 Monaten Kinder austragen und sogar gebären könnten.

Angesichts all dieser Unwägbarkeiten verwundert es nicht, dass ein ständiger Mangel an Spenderorganen herrscht. Die Menschen haben einfach Angst, dass die Mediziner es mit der Todesbescheinigung nicht so genau nehmen, wenn der Empfänger bereits im OP auf sein neues Herz wartet. Das so entstandene Misstrauen fügt der Spendenbereitschaft, nicht nur in Deutschland, nachhaltigen Schaden zu. Allein die Zahlen des letzten Jahres sprechen ein deutliches Wort.

Wie die Deutsche Stiftung für Organtransplantationen (DSO) ermittelt hat, haben 2008 bundesweit etwa 2000 Menschen ihre Organe gespendet. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang um 8,8 %. Die Anzahl der gespendeten Organe hat sich dabei von 4140 Stück auf 3945 Stück reduziert. Mit Ausnahme von Nordrhein Westfalen zieht sich der Rückgang der Organspendezahlen durch das gesamte Bundesgebiet.

Auf den Wartelisten stehen hingegen 12 000 Patienten, von denen fast zwei Drittel unversorgt bleiben und an ihrer schweren Krankheit sterben. Den Schmerz tragen die Hinterbliebenen.

Und die sind es auch, die im Zweifelsfall einer Organentnahme zustimmen müssen. Verantwortlich dafür ist das Transplantationsgesetz, das nach langen und kontroversen Diskussionen am ersten Dezember 1997 verabschiedet wurde und das jetzt an europäische Standards angeglichen werden soll. Diesem Gesetz zufolge sollen Personen, die zur Organspende bereit sind, einen entsprechenden Organspenderausweis bei sich tragen. Stirbt ein Mensch ohne diesen Ausweis, so sollen nach dem Willen des Gesetzes dessen Angehörige über eine Organentnahme entscheiden können. Dabei sollen sie dessen mutmaßlichen Willen berücksichtigen. Wer hingegen keine Organe spenden will, sollte dies klar und unmissverständlich zum Ausdruck bringen, eine entsprechende Willenserklärung bei sich tragen und seine Angehörigen über seine Entscheidung in Kenntnis setzen. Dies schützt zumindest noch in Deutschland vor einer ungewollten Organentnahme. Nicht jedoch in Ländern mit einer anderen rechtlichen Regelung wie zum Beispiel Österreich oder Belgien. Dort werden die Angehörigen erst informiert, nachdem die Organe ohne Einwilligung entnommen worden sind. Dies gilt auch für Ausländer die in diesen Ländern verunglücken, zum Beispiel Touristen.
Das Problem daran ist, dass der Tod des Spenders nach den Regeln, die „dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaften entsprechen, festgestellt wird“. Das schafft einen gefährlichen Interpretationsspielraum. Um an mehr frische Organe zu gelangen, könnte beispielsweise die Ethikkommission der Bundesärztekammer dazu übergehen, die bisherige Todesdefinition erneut zu überarbeiten und durch das Konzept des Teilhirntodes zu ersetzen. Damit würde einem neuen Begriff die Türe aufgestoßen, dem des sogenannten Persönlichkeitstodes. Und damit wiederum könnten fortan auch Wachkomapatienten zu Toten erklärt und explantiert werden. Auf diese Gefahr verweist bereits 1993 der Bonner Neurologe Prof. Dr. med. Detlef B. Linke in seinem Buch „Hirnverpflanzung – Die erste Unsterblichkeit auf Erden“(Rowolt 93).

Dort heißt es unter anderem:

„Man diskutiert in wissenschaftlichen Zirkeln und auch ganz öffentlich, z. B. in der Bioethik-Konvention darüber, die jährlich „anfallenden“ ca. 40.000 Wachkoma-Patienten als Organcontainer zu nutzen.“

Dazu bedarf es eines ideologischen Fundaments in dem die Vorstellung eines allmächtigen Schöpfergottes keinen Platz hat. Die Darwin’sche Evolutionstheorie eignet sich dafür geradezu perfekt und führt auch wissenschaftlich weiter, als die kirchliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte. Ob hingegen ein neuer, medizinisch geprägter Atheismus der Menschheit in ihrer Entwicklung besser bekäme, bliebe erst noch zu beweisen.

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4 Antworten zu So tot wie möglich

  1. Pingback: Lebende Tote | denkbonus

  2. markarian 205 schreibt:

    Das angebliche Problem ist wohl eher ein selbstgemachtes Dilemma. Wir sollten mit der Transplantation von lebenswichtigen Organen (mit der Ausnahme Haut von lebenden Spendern) einfach aufhören. Solange es Menschen gab, gehörte der Tod zum Leben. Wir müssen wieder lernen ihn zu akzeptieren, wenn die Ablehnung zum Tode oder anderem Schaden anderer Menschen führt.

    • denkbonus schreibt:

      @ markarian
      So einfach funktioniert das leider nicht, oder sollte ich sagen, glücklicherweise? Wenn man seine Bereitschaft dazu erklärt, Menschen, denen unter Umständen geholfen werden könnte, dennoch sterben zu lassen, dann erwachsen daraus neue Fragen, schwierige Fragen und zum Teil auch unmenschliche Fragen. Wo sollte sie denn verlaufen, die Grenze zwischen „leben lassen“ und „sterben lassen“? Wie kostbar ist uns das menschliche Leben, und wie kostbar sollte es uns sein? Ist es gerechtfertigt, in Afghanistan Zivilisten und Aufständische zu töten, um Handelswege offen zu halten . So einfach, wie Du das darstellst, nach dem Motto: „Alle wollen in den Himmel, aber niemand will sterben“, ist das Ganze glücklicherweise nicht.

  3. bl schreibt:

    Ich finde es nicht so unerklärlich, dass das Spenderorgan gewisse Eigenarten weitervererbt, sozusagen. Das Wesen des Spenders – nicht nur das Gedächtnis – ist zu einem gewissen Anteil in jeder Zelle gespeichert und es kann durchaus sein – und es geschieht ja auch, dass sich das ausdrückt.

    Interessant dazu finde ich den Gedanken, wie sich das Essen von Fleisch auf den Menschen auswirkt. Manche Stämme in Afrika glaubten oder glauben immer noch, dass wenn sie einen Löwen essen, sich dessen Stärke auf sie überträgt. Möglicherweise ist das gar nicht so weit hergeholt. Dann kann man allerdings spekulieren, wie die unzähligen geschundenen Tiere sich auf den Menschen, der sie isst, auswirken…

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