WikiLeaks unter falscher Flagge instrumentalisiert

Geradezu unwirklich, wie Julian Assange von einem Interview zur nächsten Pressekonferenz tourt, ohne verhaftet zu werden. Für einen der scheinbar meistgesuchtesten Männer dieses Planeten offenbar nur eine kleine Übung. Flugs hinein ins Taxi und weg, US- Militärs, Nachrichtendienste und Staatsanwaltschaften schauen mit langen Gesichtern hinterher, anscheinend unfähig, etwas gegen die öffentlichen Auftritte des „Königs der Wistleblower“ zu unternehmen.

Betrachten wir die Faktenlage nüchtern, so fallen dem Beobachter eine ganze Reihe an Ungereimtheiten ins Auge, aus denen sich ein völlig anderer Hintergrund erschließt.

Julian Assange gilt offiziell als der US- Staatsfeind Nummer eins. Tatsächlich jedoch haben die Vereinigten Staaten allen Grund zur Dankbarkeit gegenüber dem Frontman des weltweiten Whizzleblowernetzwerkes WikiLeaks. Denn dieser hat in seiner letzten Veröffentlichung all das zum Besten gegeben, was die USA stets selbst gerne öffentlich gemacht hätten, aber aus diplomatischen Gründen nie sagen durften. Es war eine schallende Ohrfeige, nicht für die USA, als vielmehr für deren bisherige Verbündete und Vasallen. Ohne es zu hinterfragen, hat Wikileaks eine ganze Reihe von Staaten und Staatsmännern, die den USA Schwierigkeiten bereiten, weil sie allmählich auf Distanz zu gehen drohen, öffentlich brüskiert und den Amerikanern damit einen Riesendienst erwiesen. Denn diese stehen mit unschuldigem Augenaufschlag am Rand des Geschehens und weisen jede Verantwortung von sich. Die Verantwortung für das Datenleck liegt nämlich nach offizieller Redart nicht in der US- Administrationsebene sondern bei irgendeinem kaffeebrühenden Tastentierchen aus den Reihen des Botschaftspersonals. Amerikas Weste bleibt sauber, abgesehen von ein paar banalen Wadenzwickereien gegen Merkel, Westerwelle und Co, bei denen ein jeder denkt: „Habt ihr’s auch schon gemerkt?“

  • Türkeibashing– Ministerpräsident Erdogan wird, damals noch unter den Diplomaten von Obamas Vorgänger, als Islamist dargestellt, versorgt von fehlgeleiteten Beratern, die sich das Osmanische Reich zurückwünschen. Ein Haufen Spinner also, aber das haben die USA ja nie offiziell behauptet.
  • Pakistanbashing – Die dortige Staatsführung ist im Begriff, die Kontrolle über ihr Militär und damit auch über ihre Nuklearwaffen zu verlieren. Wenn das kein Affront gegen Pakistan ist, aber die USA haben ja nichts gesagt.
  • Nordkorea- und Chinabashing– Beide Staaten sollen angeblich Waffenlieferungen an den Iran getätigt haben. Von 16 Raketen und Raketenbauteilen ist die Rede. Aber die USA haben das ja nie offiziell erklärt, das waren Assange und Co. Nordkorea steht schon seit langem im Fadenkreuz der US- Politik. Sollte es den USA gelingen, ein wiedervereinigtes Korea unter amerikanischen Einfluss zu bringen, so könnten die Cowboys dort endlich wieder ihre 1991 bereits abgezogenen Nuklearraketen stationieren, um so näher an das, keine 1000 Kilometer entfernte Peking heranzurücken. Eine Militärmacht, die, derweil sie ertrinkt, wild um sich schlägt, stände somit unmittelbar vor den Toren der einzigen Konkurrenzmacht, die sie derzeit zu fürchten hat. China ist not amused angesichts solcher Aussichten. Dabei steht zu erwarten, dass die derzeitige südchinesische Kubakrise weiter vom Westen angeheizt wird. Der südkoreanische Verteidigungsminister hat bereits seinen Hut genommen, offiziell, weil er zu zögerlich auf die vorangegangenen Provokationen reagiert haben soll.
  • BRDbashing- Kanzlerin Merkel ist immerhin besser als Altkanzler Schröder, der sich derzeit noch an russischem Gas gesundstößt. Dennoch seien die Beziehungen zu den USA nach wie vor belastet. Eine Umorientierung Europas von West nach Ost wird dadurch nicht gerade erleichtert, aber das haben die USA ja nie behauptet, sondern irgend ein Botschaftsmitarbeiter, der unerkannt bleiben wird, während WikiLeaks sich immer weiter aus dem Fenster lehnt.
  • Russlandbashing– Weichei Medvedev spielt im eigenen Land nur die zweite Geige, während Putin als eigentlicher Alpharüde die Zügel in der Hand hält. Gleich zwei Treffer mit nur einem Schuss. Medvedev, der einer EuroRussischen Zusammenarbeit künftig aufgeschlossener gegenüberstehen wird und den Euroraum bereits jetzt mit Öl und Gas beliefert bekommt eine vors Schienbein und Putin, der verhindert hat, dass die USA schon vor Jahren das asiatische Kerngebiet aufrollen hätten können, indem er Russland zu einer Wirtschaftsmacht aufgebaut hat, wird als der Russische Richelieu der Neuzeit desavouiert.
  • Araberbashing– Das ausgerechnet arabische Staaten auf eine Intervention des Westens im Iran drängen, diskreditiert diese erheblich. Zugleich wird jedoch ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass dies keine Frage des Wenn als vielmehr des Wann ist. „Ach, so war das gedacht,“ resümiert eine erstaunte Weltöffentlichkeit und schafft somit gedanklichen Platz für amerikanische Tatsachen. Nebenbei wird der Vergleich von Achmadinedschad mit Hitler in gerade zu inflationärem Umfang gebraucht. Hauptsache, es bleibt ein wenig davon an dem iranischen Staatspräsidenten hängen. Das legitimiert weiter Kriegsüberlegungen. Aber die USA haben ja nichts gesagt, zumindest nicht offiziell. Und dass alles nun ans Tageslicht kommen musste, ist die Schuld von unbedeutenden, kleinen Mitarbeitern im amerikanischen Botschaftsgetriebe. Die Weste bleibt weiß, vom Hals bis zum Steiß.

Soweit so gut, was aber steckt als eigentlicher Plan hinter dem ganzen Spektakel? Um das aufzurollen, müssen wir ein paar Jahre zurück zu jenem Zeitpunkt, als Wikileaks das berüchtigte Hubschraubervideo veröffentlichte. Damals wurde erstmals öffentlich, was die US- Army schon seit Jahren betreibt. Jeder Berichterstatter, der sich nicht von vorn herein den Regeln eines Embedded Journalism unterwirft, wird schlicht und ergreifend abgeknallt. Schon seit einigen Jahren verzichten deutsche und europäische Medien daher weitgehend auf Kriegsberichterstattung aus Krisengebieten, die im Zielkreuz des US- Militärs liegen. Wann kam denn der letzte ARD- Bericht aus dem Irak?

Die Veröffentlichung des kompromitierenden Hubschraubervideos war noch echt, sorgte noch für richtige Verärgerung in den Reihen der Verantwortlichen und öffnete Wikileaks das Tor zur Weltöffentlichkeit, während der Überbringer des Leaks, Bradley Manning, mit bis zu 52 Jahren Haft zu rechnen hat. Seitdem haben sich die Spielregeln geändert. Die US- Geheimdienste mussten einsehen, dass der Zulauf zu den kritischen Alternativmedien sich langsam zu einer Gefahr für das Establishment auszuwachsen beginnt.

Kritische Alternativmedien geraten bei der weiteren Entwicklung des Internets zusehends zu einem Unsicherheitsfaktor für jene Machteliten, auf deren Agenda der Aufbau einer neuen Welt- und Währungsordnung steht. Also gilt es, eben jene Massen zu binden, die den Leitmedien schon seit langem kein Wort mehr glauben. Was böte sich besser dazu an, als die Veröffentlichung von vermeintlich brisanten Geheimdokumenten. Das ist es ja gerade, was all die Blogger suchen. Jene Wahrheit hinter der Wahrheit, mit der uns eine stromlinienförmige Journaille tagtäglich zu füttern versucht. Dass ausgerechnet jene Presseorgane, die kaum noch jemand kauft, weil sie als korrumpiert gelten, die Geheiminformationen aufbereitet und an die Weltöffentlichkeit weitergereicht haben, verschafft diesen Medien neuen Spielraum, neues Geld und neue Leser. So können sie im Dienst der Mächtigen weiterhin geschönte Halbwahrheiten publizieren und die Leute lesen und kaufen es auch noch. Dass sich der Fokus der Öffentlichkeit dadurch von der gerade erstarkenden Blogosphäre wieder zurück auf die konventionelle Hofberichterstattung verlagert, kann politischen, wirtschaftlichen wie auch militärischen Verantwortlichen dabei nur recht sein. Zugleich zeichnet sich eine neue Art des Cyberwars ab, diesmal gegen die freien Medien, die sich unkontrolliert im Internet tummeln, so wie ich mich hier in diesem Augenblick. Durch das Stiften kollektiver Verwirrung, wird die Gegenöffentlichkeit wieder in eine kontrollierbare Situation zurück überführt, indem die Nachrichtendienste das Netz mit hochspannenden, weil geheimen, Fakes verseuchen. Ein weiterer, wesentlicher Punkt ist die Verletzung der gesetzlich garantierten, staatlichen Geheimhaltung durch den letzten Leak. In dem Maße, in dem das Netz missbraucht wird, um unwesentliche, aber streng geheime Informationen zu veröffentlichen, wird es nach amerikanischer Lesart zugleich dazu missbraucht, Menschenleben in Gefahr zu bringen. Dies öffnet einer künftigen, verschärften Zensur von Webinhalten Tor und Tür.

Alleine durch die Vorankündigungen der anstehenden Enthüllungen hat WikiLeaks ein derart lautes Medienecho geschaffen, dass die gesamte Weltöffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit wie hypnotisiert diesem einzelnen Vorgang zuwendet. Dabei sind die Informationen, die dabei ans Tageslicht kommen, offenbar sorgfältig vorsortiert. Der zweiten großen Enthüllung über die militärischen Kriegstagebücher Afghanistans zufolge unterstützt der pakistanischen Geheimdienst heimlich die Taliban. Die Todeszahlen im Irak widerum hat WikiLeaks auf 100 000 beziffert. Tatsächlich jedoch haben dort an die 1,2 Millionen Menschen den Tod gefunden, seit die USA das Land von Saddam „befreiten“. Verantwortlich für die Massaker und Folterungen unter der Zivilbevölkerung waren den Berichten zufolge größtenteils irakische Truppenteile. Die USA haben nur zugeschaut, aber nichts getan. Verwerflich zwar, aber nachvollziehbar. Somit stehen die USA nunmehr wieder sauber da.

Auffallend in den Wikileaksenthüllungen sind zudem zwei große Zeitfenster, die aus der geleakten Berichterstattung ausgespart bleiben. Das erste öffnet sich 1993, als die USA sich im Jugoslawienkrieg engagierten. Gerade aus dieser hochbrisanten Zeitperiode ist nichts zu lesen oder zu hören, obwohl die USA in diesem Krieg ihren ersten Brückenkopf gen Osten militärisch installierten. Das zweite Zeitloch umfasst die Jahre 2001 bis 2004, also jene Zeit, in welcher die Umsetzung des großen Plans, vom Untergang der Twintowers bis hin zur militärischen Okkupation des mittleren Ostens, im wahrsten Sinne des Wortes in Angriff genommen worden war. Und es ist wohl auch nicht zu erwarten, dass WikiLeaks tatsächlich noch relevante Dokumente nachliefert, die dieses Geschehen umfassen. Vielmehr verbreiten gerade die letzten beiden, vermeintlich hochbrisanten Veröffentlichungen, Banalitäten, die jeder halbwegs gebildete Mensch sich auch selber denken kann. Zugleich herrscht ein heilloses Informationswirrwarr, da die schiere Menge der verbreiteten Dokumente auf Dauer journalistische Ressourcen bindet und zugleich davon ablenkt, dass die Informanten von WikiLeaks gar keinem Quellenschutz unterliegen. Daher müssen sie geheim bleiben, nicht einmal Assange persönlich weiß, wer ihm die Dokumente untergeschoben hat. Investigativer Journalismus sieht anders aus und leidet zudem unter dieser neuen Form der Meinungsmanipulation. Die bisher veröffentlichten Papiere jedenfalls stammen alle aus administrativer Ebene. Was genau Botschaftsangestellte oder amerikanische Militärs nach unten durchsickern lassen, entzieht sich somit jedweder Kontrolle. Das Einzige, was an den Inhalten all der hunderttausenden Leaks überprüfbar ist, sie kommen von oben.

Der ganze Rummel um die „weltverändernden“ Geheiminformationen ist eine perfide false flagg, angezettelt von Geheimdiensten, die damit die gesamte Aufmerksamkeit der Blogosphäre auf ein Scheinereignis bündeln und somit einer kollektiven Beschäftigungstherapie unterwerfen. Hunderttausende belangloser Depeschen werden gesichtet, analysiert und auseinandergezupft und die USA haben endlich freie Hand, ihre eigentlichen Absichten zu verfolgen, ihre Verbündeten erneut auf Kurs zu bringen und ihr bisheriges Imperium abzusichern.

Die USA sind auf Krawall gebürstet und man kann nur hoffen, dass es nicht zum Krieg kommen wird. In spätestens zwei Jahren werden wir es wissen.


Über denkbonus

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Eine Antwort zu WikiLeaks unter falscher Flagge instrumentalisiert

  1. Franz schreibt:

    Wozu hat denn die Paypal-Show gedient? Doch wohl nur dazu noch mehr Sympatisanten auf die Seite von Wikileaks zu bekommen. Paypal wird doch wohl gewußt haben, daß sie damit Sympatien und somit Kunden verlieren werden. Das sind ganz simple psychologische Tricks, aber die Masse fällt drauf rein. Danke, dein Artikel gefällt mir.

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