Sozialgefälle schadet Reichen

Die weltweit vorherrschende soziale Schieflage richtet weitaus größeren Schaden an, als bislang vermutet. Interessant daran, gerade die Verursacher des globalen Sozialgefälles, also die Superreichen und Mächtigen dieser Welt, leiden selbst unter den Folgen des geschaffenen Ungleichgewichtes.

Zu diesem Schluss kommen Richard Wilkinson und Kate Pickett in Ihrem, nun auch auf deutsch erschienen Buch „Gleichheit ist Glück“ (Zweitausendeins Verlag, Berlin 2009. ISBN-10 3942048094. 19,90 EUR ). In ihrem Buch nehmen die Autoren einen Vergleich aller möglichen Zeichen für Lebensqualität vor und kommen zu dem Ergebnis, dass «selbst die Reichen in sozial ungleichen Ländern schlechter leben als in egalitäreren Gesellschaften». So beschreibt es jedenfalls Thomas Fricke von der Financial Times Deutschland (FTD), der über das Buch in seiner Kolumne vom 18. Juni referiert. Demzufolge sinkt in ungleichen Gesellschaften die Lebenserwartung, auch für Wohlhabende, nachweislich. Steigen tut hingegen die Zahl der Übergewichtigen, genauso wie Gewalt, Drogenmissbrauch, Kriminalität und psychische Erkrankungen. Dort kommt es in vermehrtem Umfang zu Schwangerschaften bei Teenagern, bei der Geburt sterben mehr Säuglinge und das Vertrauen der Menschen zueinander schwindet in dem Maße, in dem auch ihre Lebensqualität schwindet.

Auch die Umwelt erleidet schwerere Schäden als in gerechter angelegten Gesellschafsstrukturen, weil weniger Bereitschaft vorherrscht, in etwas zu investieren, was auch anderen Menschen zugute kommt. Die Welt verwandelt sich in eine egomanische Kulisse. »Das mit Abstand höchste Einkommensgefälle haben unter den ausgewerteten Industrieländern die USA. Und dort finden sich in der Summe zugleich auch die schlimmsten sozialen und gesundheitlichen Probleme«, so Fricke. Ein Grund für diese hausgemachte Verteilungsschieflage, so der Chefökonom der FTD, liegt nach Sicht der beiden Autoren in der Annahme, dass es in ungleichen Geselschaften sehr viel schwieriger ist, Anerkennung zu bekommen. Diese aber braucht jeder Mensch, was dann irrigerweise als Leistungsanreiz idealisiert wird.

Das Gegenteil zeigt sich hingegen in Konsenzgesellschaften. In Norwegen oder Schweden vertrauen einander etwa 65 Prozent aller Menschen. In den USA sind es nur 35 Prozent. Auch leben Reiche in sozial ungleichen Ländern kürzer und sind zudem öfter krank als Reiche, die in Ländern leben, in denen Lebensqualität ein Allgemeingut darstellt. Auch ist in ungleichen Gesellschaften die Kindersterblichkeit bei den Reichen höher als in egalitären Konsenzgesellschaften. Zugleich scheint es, als seien die Menschen in egalitären Staaten insgesamt innovativer als in Gesellschaften mit ungleicher Vermögensverteilung. So wird in nordischen Ländern pro Kopf ein vielfaches von dem an Patenten angemeldet, was die USA vorzuweisen haben. Während in sozial gerechten Gesellschaften Kindergärten gebaut werden, bauen die USA in ihrem Land Gefängnisse.

Bereits im Februar herausgegriffen hat sich dieses Buchthema Wolfgang Kersting , Professor für Philosophie an der Christian- Albrechts-Universität Kiel. Während sich Fricke dem Buch mehr von Seiten der sozialen Gerechtigkeit her nähert, interessiert sich Kersting eher für den Glücksbegriff im allgemeinen. In verquastem Soziologendeutsch kommt er zu dem Schluss, dass der Verteilungszustand der Güter es ist, der Art und Stärke des Verteilungskampfes darüber bestimmt. Oder einfacher ausgedrückt- Wer reich ist, will nicht nur mehr Geld, sondern vor allem das, was er besitzt, behalten. Dem gegenüber steht eine immer größere Schar von Menschen, die genau das Gegenteil beabsichtigen. Zu behalten haben sie nichts, weil sie nichts besitzen. Sie wollen daher nur noch erobern und mehren. Das zwingt die High Society zunehmend in die Isolation, weil sie nur noch innerhalb ihrer eigenen Burmauern sicher ist. Über Geld redet man erst dann nicht, wenn man es hat.

Zugleich kommt Kersting zu dem Schluss, dass es unter den Menschen kein indifferenziertes Anrecht auf Glück gibt. Seiner Auffassung nach kommt dem Glücksanspruch der Habenichtse kein höheres moralisches Gewicht zu, als dem der Besitzenden. Allerdings verwechselt er hier Glück mit Reichtum, genauso wie der Multimilliardär. Dieser scheffelt seine Milliarden nicht, um glücklicher zu werden, sondern weil er sich davor fürchtet, unglücklicher zu werden, sollte er seinen Reichtum verlieren. Dennoch ist er, wie jeder andere Mensch auch, ein soziales Wesen.

Dem Menschen ward gesagt was gut ist

Von seiner Natur her ist der Mensch nicht böse sondern freundlich. Zu diesem Ergebnis kommt in seinen Studien der Psychologieprofessor Dacher Keltner von der University of California. In einem Portrait von ihm in der Zeit lautet sein Fazit: »Unsere Spezies hat überlebt, weil wir die Fähigkeit entwickelt haben, zu kooperieren und für Hilfsbedürftige zu sorgen». Dabei beruft er sich unter anderem auf den Begründer der Evolutionstheorie: »Schon Darwin nahm an, dass Mitgefühl unser stärkster Instinkt ist.«

Zu den ersten Dingen, die ein Mensch in seinem Leben erfährt, gehört elterliche Zuwendung. Und auch untereinander fühlen wir uns umso wohler, je freundlicher unser Umgang miteinander ist. Je mehr Empathie wir uns selbst, aber auch unseren Mitmenschen entgegenbringen, desto höher ist das daraus resultierende Lebensglück für alle Beteiligen. Das ist allgemein bekannt und insgesamt unwidersprochen. Was also hindert uns daran? Es ist der Kampf ums Geld, der uns flächendeckend das Leben vermiest. Denn jeder Kampf, ob bewaffnet oder nicht, ist eine Auseinandersetzung mit dem erklärten Ziel, fremdes Territorium zu erobern. Auch unter Verzicht auf militärische Mittel bleibt der Kampf ums Geld ein Krieg, ein Verteilungskrieg ums nackte Überleben. Dabei hat die Intensität dieser Auseinandersetzungen in den letzten drei Jahrzehnten deutlich zugenommen. Die Fronten sind verhärtet, die Machtverteilungen zementiert. In einer solchen Situation bedeuten Skrupellosigkeit und Unmenschlichkeit einen strategischen Vorteil. Sei es, weil Hunger und Armut als leistungsmotivierend dargestellt werden, oder auch Bagatellkündigungen um die Personaldecke zu bereinigen. Ein Unternehmen hingegen, das seine Mitarbeiter fair und gerecht behandelt, nicht auf das Primat der Expansion setzt und freiwillig Weihnachtsgeld und Altersvorsorge finanziert, ist unter den heutigen Wettbewerbsbedingungen so gut wie verloren. So schwindet unser gesamtgesellschaftliches Glück mehr und mehr in weite Ferne.

Die Ursachen der Ungleichheit

Die Schlange, die seinerzeit das Paradies entvölkerte heißt Tauschhandel. Der Gedanke ist so simpel, das man ihn leicht übersieht. Nicht zuletzt, weil wir uns in entgegengesetzter Richtung bewegen. Gibst Du mir was, geb ich Dir was – so die allgemeine Sicht der Dinge. Tatsächlich jedoch zwingt uns dieses Denkverhalten dazu, ein materielles Wertesystem zu entwickeln, das unterschiedlichen Dingen unterschiedliche Werte zuordnet. Dies ist die Grundlage jedes Handels. Wer würde schon freiwillig ein Auto gegen einen Kugelschreiber eintauschen wollen. Dabei haben wir den Handel zur Kunst erhoben mit dem Ergebnis, dass manche dieses Spiel besser beherrschen als andere. Folgerichtig wächst auch deren Vermögen schneller und gleichzeitig damit ihre Macht zur Fremdbestimmung ihrer Mitmenschen. So wird Geld auf einmal zur Waffe, die missbraucht wird, um andere zu unterwerfen. Eine Lösung für diese Misere sähe ich zwar, leider jedoch in unerreichbarer Höhe.

Über denkbonus

Politischer und religiöser Freidenker | Grobstofflich | Wer sein Bewußtsein erweitern will, muss zuerst welches besitzen
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2 Antworten zu Sozialgefälle schadet Reichen

  1. Christoph Rohde schreibt:

    Wolfgang Kersting ist nicht von der FAZ, sondern Philosophie-Professor in Kiel.

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