Wirkstofffallen – Risiko ohne Rezept

Ungefähr 1,5 Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig. Die jährlichen Ausgaben für Arzneimittel belaufen sich den Krankenkassen zufolge auf mehr als 25 Milliarden Euro. Etwa 5-6% dieser Medikamente enthalten ein Abhängigkeitspotenzial. Die Rede ist jedoch nicht von anerkanntermaßen gefährlichen Präparaten wie Schlaf- und Beruhigungsmittel. Gerade die harmlos wirkenden, kleinen Alltagshilfen bergen ein oftmals unterschätztes Risiko. Allen voran die Gruppe der Abführmittel, gefolgt von Schmerzmitteln und Nasensprays.

Abführmittel, die Durchfallmacher

Sie funktionieren auf denkbar einfache Weise, indem sie durch Flüssigkeitszufuhr den Nahrungsbrei aufquellen lassen, so dass dieser an Volumen zunimmt. Dadurch dehnt sich die Darmwand, was im Reflex zu einer verstärkten Darmbewegung, der sogenannten Peristaltik führt. Verantwortlich dafür ist ein Nervengeflecht in der Darmwand, welches auf Dehnungsreize reagiert indem es die Darmmuskulatur zur Arbeit anregt. Dies führt zugleich zu einem verstärkten Stuhldrang.
Der gelegentliche Griff zum Abführmittel birgt keine Gefahr. Problematisch wird es jedoch, wenn der Einsatz dieser Mittel zur täglichen Routine wird. Besonders gefährdet sind vor allem zwei Personengrupppen.

Zum einen Senioren.
Diese gehen oftmals irrtümlich von der Annahme aus, man müsse jeden Tag auf die Toilette gehen. Da die Darmtätigkeit im Alter ohnehin etwas nachlässt, nehmen sie dazu gerne ein Abführmittel ein, was den Darm zuverlässig entleert. Danach kann es allerdings eine ganze Weile dauern, bis der Darm sich wieder weit genug gefüllt hat, um einen erneuten Entleerungsreiz auszulösen. Zugleich neigen sie dazu, eher wenig zu essen, was die Nachfüllzeit des Darmes zusätzlich verlängert. Die große Gefahr besteht nun darin, dass bereits am nächsten Tag wieder erneut ein Abführmittel eingenommen wird, da ja sonst nichts kommt und zudem eine Verstopfung befürchtet wird. Dadurch kommt es auf Dauer zu einem massiven Verlusst an wichtigen Mineralien wie Kalium und Natrium, mit fatalen Folgen. Denn das Fehlen dieser sogenannten Elektrolyte führt zu einer zusätzlichen Erschlaffung der Darmmuskulatur. Also werden erneut Abführmittel eingenommen und es entsteht ein verhängnisvoller, als Circulus vitiosus bezeichneter Teufelskreis.

Ebenfalls gefährdet sind Patienten mit Essstörung, die darauf hoffen, sie könnten mithilfe von Abführmitteln ihr Gewicht zu reduzieren. Dabei unterliegen sie allerdings einem entscheidenden Irrtum. Die dadurch erzielte Gewichtsabnahme resultiert lediglich aus dem hohen Verlust an Flüssigkeit, die mit dem aufgequollenen Stuhl ausgeschieden wird. Sobald sie ein Glas Wasser trinken, wiegen sie genauso viel wie vorher.

Der Missbrauch von Abführmitteln ist gefährlich. Zum einen verhindert die beschleunigte Passage durch den Darm, dass notwendige Nährstoffe aufgenommen werden können, zum anderen führt der künstliche Durchfall dazu, dass lebenswichtige Elektrolyte zusammen mit dem Stuhl ausgeschieden werden. Dies kann zu Herzrhythmusstörungen und sogar zu einem lebensgefährlichen Nierenversagen führen.

Nasensprays, die Schnupfenmacher

Weniger gefährlich, aber ebenfalls unangenehm ist die Abhängigkeit von handelsüblichen Nasensprays. Diese haben durchaus ihren Nutzen, wenn sie sparsam eingesetzt werden. Sie wirken abschwellend. Nicht nur auf die Nasenschleimhaut, sondern auch auf die Ausführungsgänge der Nasennebenhöhlen, so dass diese wieder belüftet werden. Und das funktioniert so:

Der Wirkmechanismus

Im Inneren der Nasenschleimhaut befinden sich die sogenannten Drosselvenen. Diese können sich eng stellen und so den Blutdurchfluss drosseln, so dass mehr Blut hinein- als wieder hinausfließt. Durch das prall gefüllte Venengeflecht schwillt die gesamte Nasenschleimhaut an was im Falle eines Schnupfens Krankheitskeimen das Eindringen erschwert. Diese müssen jetzt eine größere Wegstrecke zurücklegen, um die Wand zu durchdringen. Ausserdem sitzen jetzt die Hautzellen wie prall gefüllte Ballons dicht an dicht und lassen kaum einen der Erreger durch die Zwischenräume schlüpfen.

Durch den Einsatz von Nasensprays wird dieser Mechanismus unterbrochen. Die Drosselvenen werden gezwungen, sich zu öffnen und die Schwellung geht zurück. Zumindest für eine Nacht. In dieser Zeit wird die Nasenschleimhaut allerdings weniger gut mit Blut und dadurch schlechter mit Sauerstoff versorgt. Sobald die Wirkung des Nasensprays nachlässt, korrigiert die Nase daher diesen Missstand, in dem sie unverzüglich erneut ihre Venen drosselt. Der erneute Griff zu Nasenspray führt dabei unweigerlich einen Schritt weiter in die Abhängigkeit von Nasensprays.

Die Folgen einer Abhängigkeit

sind unschön. Die Nase schwillt irgendwann gar nicht mehr von selbst ab, nur der Griff zum Sprayfläschchen vermag noch etwas Linderung zu bringen und die Hersteller freut’s. Sie bombardieren den Markt mit Dumpingangeboten und Mengenrabatten für eine Zielgruppe, die zu ihren besten Kundenkreisen gehört. Dabei droht den Sprayusern mehr als nur eine dichte Nase. Die Folgen dieser Erkrankung, auch Privinismus genannt, betreffen vor allem die Nasenschleimhaut. Diese trocknet zusehends aus, verborkt oder entzündet sich und verliert ihre Funktion irgendwann fast vollständig.

Der Weg zurück zu einer freien Nasenatmung ist lang und hart. Nach nur einwöchigem Gebrauch eines herkömmlichen Nasensprays bleibt die Nase bereits schon dauerhaft zugeschwollen und es folgt eine weitere Woche der Mundatmung, was vor allem Nachts belastend ist. Wer eisern einer erneuten Dosis widersteht, erfährt nach ungefähr acht Tagen eine erste Erleichterung. Die Nase schwillt kurzzeitig ab, beginnt dafür jedoch zu laufen. Die Schleimhautzellen erholen sich nur langsam von der chemischen Tortur und sind daher bestrebt, jeden noch so kleinen Rest des Sprays zu verdünnen und aus der Nase hinaus zu spülen. Nach ungefähr zweieinhalb Wochen hat die Nasenschleimhaut sich weitgehend regeneriert und arbeitet wieder normal, die Schwellung bleibt weg. Vorausgesetzt, Sie haben das Spray nur eine Woche benutzt und nicht länger. Denn bereits eine einzige Woche Dauergebrauch kann zur Abhängigkeit führen. Die Hersteller geben zwar einen gefahrlosen Einsatzzeitraum von zehn bis vierzehn Tagen an. Zahlreiche Foreneinträge zeichnen hingegen ein anderes Bild.

Die Alternativen

Glücklicherweise gibt es Präparate, die lindernd auf die geschwollenen Nasenschleimhäute wirken, ohne dabei eine Abhängigkeit hervorzurufen. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang

  • homöopathische Nasentropfen, wie Euphorbium von der Firma Heel
  • Salzwasserpräparate, auch oft als Meerwassersprays bezeichnet, sowie
  • Nasenöle, die abschwellende ätherische Öle wie Pfefferminzöl enthalten.

All diese Präparate können gefahrlos auch über längere Zeiträume hinweg verwendet werden.

Eine weitere rezeptfreie Gefahr sind Substanzen, die auf das zentrale Nervensystem einwirken. Sie können ein erhebliches Abhängigkeitspotenzial entfalten, und werden in ihrer Gefährlichkeit oftmals unterschätzt. So käme wohl kaum jemand auf den Gedanken, dass ausgerechnet Koffein zu dieser Wirkstoffgruppe zählt.

Die Kopfschmerzfalle

Gegen einen Morgenkaffee oder ein Tässchen zum Nachmittag wird wohl niemand etwas einzuwenden haben. Darüber hinaus gibt es sogar durchaus sinnvolle medizinische Anwendungsbereiche für Koffein. So kann Koffein die Wirkung von Schmerzmitteln um 30% bis 50% verstärken. Dies ist von enormem Vorteil, wenn dadurch die Dosierung leberschädlicher Schmerzmittel, wie z.B. Paracetamol, reduziert werden kann. Aus diesem Grund enthalten Kopfschmerzmittel nicht selten Koffein zu besseren Wirksamkeit. Zugleich jedoch führt bei Abhängigkeit der Entzug von Koffein zu Kopfschmerzen. Wird auf die weitere Einnahme von Koffein verzichtet, kehren die Kopfschmerzen verstärkt zurück. Das gleiche gilt für viele Präparate, die ebenfalls gegen Kopfschmerz wirksam sind. Man spricht vom sogenannten „Reboundeffekt“, zu deutsch Rückschlageffekt, der bei abruptem Absetzen einer abhängigmachenden Substanz dazu führt, dass die dadurch bekämpften Symptome nun sogar verstärkt auftreten. Das Einzige, was hilft, ist ein langsames Ausschleichen des Medikamentes, bei dem die Dosierung über einen längeren Zeitraum hinweg milimeterweise reuziert wird, bis der Körper sich an den völligen Verzicht gewöhnt hat.

Zu den Medikamenten, die zu einem solchen Reboundeffekt führen, zählen die meisten Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Schmerzmittel. Dabei ist es völlig unwesentlich, ob diese rezeptfrei erhältlich sind oder nicht. Und genau da liegt das eigentliche Problem. Als medizinischer Laie muss man sich darauf verlassen können, das alle arzneilich wirksamen Substanzen einer eingehenden Gefährdungsprüfung unterzogen und gegebenenfalls mit einer Rezeptpflicht belegt werden, bevor sie auf den Markt kommen. Dies führt im Umkehrschluss zu der falschen Annahme, das alles Rezeptfreie automatisch harmlos sein müsse. Ein fataler Irrtum, der jährlich Millionen von Menschen ihrer Lebensqualität beraubt.

Über denkbonus

Politischer und religiöser Freidenker | Grobstofflich | Wer sein Bewußtsein erweitern will, muss zuerst welches besitzen
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2 Antworten zu Wirkstofffallen – Risiko ohne Rezept

  1. Josch schreibt:

    Die Menschen denken ja auch, dass es genügt, irgendeine Pille zu nehmen ohne selbst Engagement und vor allem einen veränderten Lebensstil mit in die Wagschale zu werfen.

  2. Pingback: Verstopfung – was tun? « Probiotika

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